Schreiben: Gewalt gegen Frauen

Photo by Alisa Mulder on Unsplash
Ich kann es nicht mehr lesen. Ernsthaft. Es scheint in Krimis, Thrillern und Dystopien fast grundsätzlich darum zu gehen, Gewalt gegen weibliche Personen auszuüben. Was für ein Schock: Der Serienkiller tötet nur Frauen! Oder: Es werden nur Frauen und Mädchen von einem Arschloch grausamst gequält, misshandelt und zerhackstückelt. In kaum einem Thriller werden Männer zu Opfern und Frauen zu Täterinnen... Woran das wohl liegen mag?

Ich lese schon lange keine Thriller mehr, obwohl ich das früher super gern gemacht habe. Ein Grund ist tatsächlich, dass es grundsätzlich darum geht, dass Menschen weiblichen Geschlechts zu Opfern von Serienkillern, pädophilen Arschlöchern, Psychopathen oder korrupten Politikern werden (oder eben von Bad Boy-Millionären). Wenn ich durch die Buchhandlung gehe und mir die Klappentexte durchlese finde ich immer denselben Einheitsbrei. Häufig sind auf dem Cover noch schick die weiblichen Opfer abgebildet, damit jeder gleich weiß, worum es geht. Wenn es nach den AutorInnen dieser Geschichten ginge, wäre die weibliche Population ja schon drastisch reduziert...

Wozu das? Nun, es mag vielleicht an der weit verbreiteten Annahme liegen, dass Frauen als schwaches Geschlecht ja so hilflos seien und sich deshalb gern solche finsteren Gestalten diese Personengruppe als Opfer aussuchen. hm... Mal abgesehen davon, dass auch ein Mann gegenüber einer Messer wetzenden PsychopathIn ziemlich hilflos dastehen würden, ist das Klischee ja schon ganz gut überholt. Da versucht die Gesellschaft mit Empowerment und allen Möglichen Angeboten, Frauen und Mädchen stark zu machen, aber in Büchern sind sie immer noch Opfer Nummer 1... Aber was solls, wenn man Klischees bedient - Hauptsache die Story schockiert.

Wo wir schon beim nächsten Punkt wären: Der Schockeffekt. Es ist natürlich besonders schrecklich, wenn das Opfer ein hilfloses Geschöpf wie eine Frau ist ... Auf mich hat das langsam überhaupt keinen Schockeffekt mehr. Ganz im Gegenteil, ich verdreh regelmäßig die Augen, sobald ich lese, dass es wieder einmal um einen psychopathischen Serienkiller geht, der als Kind Mädchenkleider tragen musste und dann natürlich nur Frauen umbringt. Man mag sich das mal anders herum vorstellen: Meine Mutter hat mich in braunen Kordhosen rumrennen lassen, deshalb bringe ich jetzt nur noch Männer um, weil die Hosen tragen.

Gewalt gegen Frauen schockiert jedes Mal ganz Deutschland, sobald wieder ein mit "Familiendrama" betitelter Artikel in den Zeitungen auftaucht. Aber in den Büchern ist das natürlich völlig in Ordnung? Finde ich nicht! Thriller-AutorInnen könnten sich jetzt langsam auch mal auf Gruppen ausweiten, die vielleicht spannender sind: Männer zum Beispiel.

Warum vergreift sich der Killer nur an rothaarigen Frauen, nicht aber an rothaarigen Männern? Oder warum werden nur Frauen getötet, die spezielle soziale Merkmale haben, nicht Männer? Warum werden grundsätzlich nur Frauen vergewaltigt, nicht Männer? Und warum ist der Täter immer männlich? Auch Frauen können Körperteile auseinandersägen - es gibt Kreissägenkurse an der VHS. Meine Ma hat zum Beispiel einen gemacht. Sie geht dann in den Wald und sägt Holz für den Kamin, packt sich dann das Auto voll und freut sich im Winter über ein loderndes, gemütliches Feuerchen. Ich habe auch gelernt, wie man Holz hackt und mit einem Beil umgeht. Seid mal froh, dass meine Familie psychisch in Ordnung ist - nunja, jedenfalls die weibliche Seite.

In Dystopien werden grundsätzlich Frauen unterdrückt, ihrer Rechte entzogen und misshandelt. Warum ist noch keiner auf die Idee gekommen, das mal mit Männern zu machen? Wenn man solche Romane sucht, dann sind das entweder die letzten Schinken aus der Erotik-Schrammelbox oder humoristische Geschichtchen für Zwischendurch, die keiner ernst nimmt. Aber hat mal jemand darüber nachgedacht, wie "The Handmaids Tale" verlaufen wäre, würde es sich dort eben nicht um Frauen drehen, sondern um Männer? Oder "Vox"? Nein, das geht natürlich überhaupt nicht, aber mit Frauen kann mans ja machen!

Auf der Suche nach einem passenden Stockphoto habe ich in der Suchmaske einmal "Gewalt Frauen" und einmal "Gewalt Männer" eingegeben. Bei der ersten Suche wurden mir natürlich Frauen als Opfer angezeigt, Frauen, wie wie sich verstecken, Frauen, die ganz schlimm zugerichtet aussehen, Frauen, denen Gewalt angetan wird. Bei der Suche nach "Gewalt Männer" wurden mir Männer mit Waffen angezeigt, Männer, die andere bedrohen (Frauen und Kinder), Männer mit Muskeln, Männer, die böse gucken: Männer, die anderen Menschen Gewalt antun. Es war KEIN einziges Bild dabei, das ein Mann als Opfer darstellte. Die Frau als Täterin wurde dagegen humoristisch dargestellt. Ich habe dann noch mal einfach nur "Gewalt" in die Suchmaske eingetragen. Aber auch hier wurden mir lauter übel zugerichtete Frauen angezeigt. Von männlichen Opfern keine Spur. Gewalt gegen Männer scheint es wohl nicht geben.

Kommentare

  1. Das ist in der Tat eine interessante Beobachtung. Mir scheint sich auch im Moment eine Opferrolle bei Frauen festzuschreiben - nicht nur in fiktiver Literatur. Vielleicht sollten wir da ganz aktiv gegen anschreiben ;-)
    Gruß Steffi

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    1. Vielleicht gewinnt ihr damit dann ja auch mehr männliche Leser. Denn es gibt gerade unter den männlichen Lesern recht viele, die es gerne haben, wenn die Frauen sie quälen :D

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  2. Da musste ich spontan an "The Power" von Naomi Aldermann denken, da geht es endlich mal auch andersrum ... wenigstens, wenn ich mich an den Klappentext richtig erinnere. Vorhin habe ich noch überlegt, wieviel größer das Entsetzen wohl wäre, wenn man in einem Roman die ach so starken Männer demütigen und vierteilen würde. Aber vielleicht, denke ich mir, liegt es auch daran, dass die meisten Leser weiblich sind und man ihnen eher zutraut, mit Frauen mitzufühlen? Keine Ahnung ...

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  3. Ich habe das mal hier veröffentlicht: https://www.facebook.com/osnabrueck.is.rising/

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