Schreiben: do your research!


Beim Lesen von Büchern stelle ich immer wieder fest, dass die Hintergründe nicht gut recherchiert sind. Für mich stellt die Recherche aber ein grundlegendes Element dar, wenn ich meine Bücher schreibe. Es gab schon Bücher, die habe ich nach wenigen Seiten in eine Ecke geworfen, weil ich bei jedem zweiten Satz dachte: das ist so nicht richtig! Ich hatte es bei einem Buch tatsächlich einmal dazu gebracht, eine Liste mit Fehlern zu erstellen. Diese umfasste nach 40 Buchseiten tatsächlich 2 vollgeschriebene A4 Seiten. Sowas regt mich auf. Ich fühle mich als Leserin echt beleidigt, wenn die AutorIn denkt, ich wäre zu blöd, um diese Unstimmigkeiten zu bemerken.


Ich habe durch mein Studium und die Arbeit als Ghostwriter sowie aufgrund von persönlichen Interessen ein ziemlich umfangreiches Wissen in allen möglichen Bereichen aufgebaut - natürlich hängt das vom Thema ab. Es gibt durchaus Bereiche, wo ich nicht den blassesten Schimmer habe, zum Beispiel kann ich nicht nachvollziehen, ob der Hyperraumantrieb der Raumfähre wirklich funktionieren könnte oder nicht. Oder wenn ich Dr. Siri lese, dann verlasse ich mich 100prozentig darauf, dass der Autor mich nicht anlügt, wenn er die sozialen und staatlichen Gegebenheiten in Laos der 1970er Jahre beschreibt. Und natürlich gewähre ich auch jeder AutorIn einen gewissen Grad an künstlerischer Freiheit.



In dem oben erwähnten Buch war zum Beispiel eine Szene, wo eine junge Frau am Nachmittag beobachtet, wie eine Gruppe Männer ihre Hütte anzündet (eine ziemlich große Hütte). Bald sieht sie ihr Heim lichterloh brennen. Am Abend wandert sie aber schon durch die verkohlten Überreste ... also, auch wenn ich keinen Cousin in der Freiwilligen Feuerwehr hätte, wüsste ich, dass das schier unmöglich ist. Nicht nur, das so eine Hütte zum Teil mehrere Tage brennen kann, nein, das Mädel scheint auch noch völlig immun gehen die Resthitze zu sein, die zuweilen verdammt hoch sein kann, und scheint auch gegen die Aschepartikel die überall herumschweben völlig resistent. 

In einer weiteren Szene wickelte sie ihr Baby in eine Windel... da ich einmal in einem Geschichtsverein meiner Heimatstadt war, weiß ich, dass "die" Windeln erst irgendwann im 18. Jh. aufkamen, vorher wurde das Kind wie eine Raupe eingepuppt (heute nennt man das "pucken"), so dass nur noch das Gesicht rausschaute. Das kann man auch schön an den alten Schinken in Museen sehen, wenn dort Normalsterbliche mit ihrem Baby auf dem Arm abgebildet werden. Die Geschichte spielte aber im Mittelalter. Das Buch flog an die mir gegenüberliegende Wand und ich hab es seit dem nicht mehr angefasst.

a little less conversation ... 

Ich habe über den Wahrheitsgehalt von Informationen in Büchern einmal eine recht frustrierende Diskussion geführt. Meine Diskussionspartnerin war ausschließlich Leserin (nicht Autorin) und bestand darauf, dass Bücher nicht zum Informationen sammeln oder Lernen da wären, sondern nur zum Entspannen, Wegträumen, Probleme vergessen etc. - also der übliche Kram eben, den auch Leute angeben, die sich jeden Abend eine Flasche Wein hinter die Binde gießen. Deshalb konnte sie auch nicht verstehen, warum ich mich mit der Recherche um meine Elfengeschichte so aufgehalten habe.

Ich hatte ihr erzählt, dass meine Protagonistin in einer Szene ein Jagdgewehr benutzt. Also bin ich in die Bibliothek gegangen und habe Bücher über die Jagd gelesen und so nicht nur herausgefunden, wie man so ein Gewehr hält, sondern ich weiß jetzt auch alles mögliche über nachhaltiges Jagen. Diese  Information wird nur in zwei Sätzen des Buches erwähnt, aber ich wollte den Vorgang so korrekt wie möglich beschreiben. Auch meine geschichtlichen Aspekte, die ich in einflechte, habe ich vorher ziemlich genau recherchiert. Ich denke mir immer, vielleicht liest ja mal ein Geschichtslehrer mit Jagdschein mein Buch und regt sich dann genauso über falsche Informationen auf wie ich. Das möchte ich doch vermeiden. 

In einer Facebook-Gruppe, in der AutorInnen Recherche-Fragen zu allen möglichen Themen stellen können, wird zuweilen heftig diskutiert. Besonders dann, wenn eine AutorIn etwas durchsetzen will, das mit den physikalischen, rechtlichen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dieser Welt nicht vereinbar ist. Da geht es bei Krimis um juristische Fragen, wie die Polizeiarbeit ausschaut etc. Dann geht es sehr häufig auch um Verletzungen, wie lange kann ich bluten bis ich sterbe, oder was sind Folgeschäden einer Schussverletzung. In dieser Gruppe weiß man auch nicht alles, dennoch aber sehr viel. Trotzdem gibt es einige AutorInnen, die wollen unbedingt etwas zwingend in ihrem Roman haben, wo der gesamte Plot drauf basiert, und dann diskutieren sie bis aufs Messer. Selbst wenn dabei ganze Gesetze aus den Angeln gehoben werden, wird das als Freiheit des Autors, Fantasie oder sonst was verbucht. Die LeserInnen, heißt es, verzeihen solche Schnitzer, kriegen das meist gar nicht mit, weil sie eh nur zur Entspannung, zum Wegträumen oder aus Flucht vor Problemen lesen würden. Dem ist aber nicht so und ich finde, dass man die LeserInnen ganz schön damit beleidigt.

Rosarot ohne Mehrwert

Es gibt sicher LeserInnen, die Bücher ausschließlich aus dem Grund der Zerstreuung lesen. Aber eben auch nicht alle. Ich habe immer Bücher gelesen und habe mir "etwas daraus mitgenommen." So hatte ich einmal ein sehr schlechte Zeit durchgemacht und habe in dieser Phase vermehrt Bücher gelesen, wo es den Protagonisten ähnlich ging wie mir. So habe ich gehofft, neue Wege zur Lösungsfindung zu entdecken. Ich habe neulich erst einer Freundin gesagt, dass ich keine Rosarot-Romane lese, wenn ich Probleme habe, weil ich daraus nichts lernen und mitnehmen kann. Die ProtagonistInnen in solchen Geschichten haben aus meiner Sicht keine "echten" Probleme und bieten dadurch auch keinen Mehrwert.

Wenn ich also ein Buch lese, dann will ich auch etwas davon haben. Ich suche Lösungen für Probleme, neue Ansichten und Lebensweisen, will Städte und Länder kennen lernen. So etwas findet man durchaus in ganz normalen Romanen, sogar in Fantasy-Geschichten. Deshalb kann ich es nicht leiden, wenn die AutorInnen einfach mal irgendwelche grundlegenden Gesetze aus den Angeln heben oder die Historie umschreiben, weil das besser zu ihrem Plot passt. Da werden ganze Landstriche umgestaltet, Städte versetzt oder Bildungssysteme vernichtet. Es gibt sicher Leute, die interessiert es nicht, ob man vier Stunden nach einem Brand noch in Flammen aufgeht, wenn man durch den Brandherd flaniert. Aber ich gehöre nicht dazu. Wenn eine AutorIn in der Realität schreibt, dann muss diese so genau wie möglich abgebildet werden, sonst wird das unglaubwürdig.

Ganz ehrlich, wenn man als AutorIn Zeit hat, irgendeinen Schmarrn in seine Story zu schreiben und darüber mit anderen zu diskutieren, dann hat man auch Zeit, einmal Google zu fragen, ob das stimmt und die drei Sätze eben umzuschreiben. Es soll ja LeserInnen geben, die Bücher an die Wand schmeißen, wenn sie sich für blöd verkauft fühlen...


Kommentare

  1. Liebe Anja,

    mit heftigen Kopfnickem und einem amüsierten Lächeln auf den Lippen habe ich Deinen Blogbeitrag gelesen.
    Endlich! Endlich fühle ich mich nicht mehr ganz so bescheuert, wenn ich mich stundenlang durch YouTube-Videos quäle, nur um die Business-Class einer bestimmten Airline genau beschreiben zu können. In meinem aktuellsten Roman beschreibe ich Kreuzfahrt-Landgänge verschiedener Orte auf Bali und in Australien. In jedem einzelnen bin ich selbst gewesen. Während einer Kreuzfahrt. In einem anderen Roman ging es um die Begegnung mit einem Walhai bei einem Tauchgang und darauffolgender Panikattake. Gut, ich bin nur im Schwimmbad getaucht, aber in Ägypten geschnorchelt. Tauchen jedoch ist eine ganz andere Nummer, als mit Brille und Mundstück höchstens eins, zwei Meter unter der Wasseroberfläche ein paar Sekunden die Luft anhalten. Tagelang ... Tagelang habe ich recherchiert, mit Tauchern gesprochen und seitdem weiß ich so einiges über defekte Sauerstoffflaschen, Panik unter Wasser, Auftauchprobleme und Walhaie. Tolle Tiere.
    Schreiben bildet enorm.
    In diesem Sinne.

    Deine Jo Berger

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    1. Vielen Dank für deine Antwort, Jo. Ich bin sehr froh, dass gerade so eine erfolgreiche Autorin wie du das schreibst. Gute Recherche hängt nicht vom Genre ab, sondern sollte in allen Geschichten Grundlage sein.

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  2. Danke für diesen tollen Einblick in das Autorendasein! Ich werde deinen Artikel morgen in den Coolen Blogbeiträgen der Woche auf www.sabienes.de empfehlen.
    LG
    Sabienes

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    1. Hui, danke. Ich fühle mich geehrt. Ich werde morgen auf deiner Seite schauen.

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  3. Silvia Hildebrandt11. Juli 2018 um 22:58

    Stoffwindeln für Babies gab es schon immer. Das, was du meinst, ist das stramme Wickeln, auch Pucken genannt. Babies sind so ruhiger, da sie sich geborgener fühlen, wie im Mutterleib. Aber drunter hatten sie noch zusätzlich eine Stoffwindel.
    Ja, du gast recht. Was mich immer besonders aufregt: falsche Infos über Schwangerschaft und Kinderkriegen. Ok, Romane brauchen Drama, aber man kann sein Kind nicht (!) schon in der 10. Woche spüren��

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    1. Hallo Silvia, vielen Dank für dein Kommentar. Da ich selbst Kinder habe, weiß ich, was Pucken ist. In dem Buch wurde aber beschrieben, wie die Protagonistin, ihrem Baby eine Windel umzieht und es eben nicht puckt, sondern es frei herumträgt. Das wiederum gibt es aber erst seit dem 18Jh. irgendwann. Vorher wurde das Kind wirklich ganz straff umwickelt, so dass nur noch das Gesicht rausschaute. So wie eine Raupe. Pucken ist ja schon fast eine harmlosere Variante davon. Früher wurde das auch nicht gemacht, weil sie dem Kind das Gefühl "Mutterleib" geben wollten, sondern weil man damals glaubte, dass eben nur so die Gliedmaßen gerade wachsen würden (das habe ich allerdings nur von einer Bekannten gehört und kann keine Belege dafür liefern, dass dies wirklich stimmt)

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  4. Mich stören Fehler solcher Art auch - auch in "Entspannungsbüchern", aus denen ich nun wirklich nichts lernen will. Dort wahrscheinlich sogar mehr als in Büchern, wo mich die eine interessante Idee oder ein originelle Plot fesselt.
    Vor ganz Kurzem las ich etwas über einen, der auf Bestellung eine ihm Unbekannte schwängern sollte/wollte. Durch einmaligen Beischlaf. Ohne, dass jemand auf sowas wie fruchtbare Tage geachtet hätte; da konnte der Termin einfach um 14 Tage verschoben werden.

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    1. Um 14 Tage??? Da hat wohl jemand im Biologie-Unterricht nicht aufgepasst...

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  5. Liebe Anja, also mich nerven solche Fehler auch. Ich schreibe Kinderbücher und da ist es mir besonders wichtig, dass alles stimmt. Für meine Stinktier Teo Vorlesegeschichten habe ich zum Beispiel ganz besonders darauf geachtet, dass die Tiere in meiner Geschichte sich auch wirklich begegnen konnten. So gab es keine Eichhörnchen, sondern Streifenhörnchen. Für meine Simsaladschinn-Geschichten habe ich mich ewig durch Infos über Dschinns und dergleichen gelesen ;-). Und ich versuche tatsächlich auch, in jeder Geschichte unauffällig irgendetwas mitzugeben. Da ich auch Bücher aus dem Englischen übersetze, bin ich da genauso pingelig. Manchmal kann ja dem Originalautor auch mal was durchflutschen und wenn mir das auffällt, dann korrigiere ich das nach Absprache mit dem Lektorat auch. Manchmal unterscheiden sich ja auch die Begrifflichkeiten in den Sprachen, deshalb sind auch bei Übersetzungen manchmal Recherchen notwendig. Ich weiß noch, wie ich mal für einen historischen Roman, den ich übersetzt habe, nach den Anfängen des Schachspiels recherchiert habe, und bei einem anderen in die Tiefen der Mathematik eingetaucht bin. Genau das finde ich total spannend beim Schreiben und Übersetzen. Und ich mag Bücher mit Mehrwert :-). Viele Grüße, Corinna

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