Frauen in der Fantasy 6: Gut zu Vögeln ...

Der Spagat zwischen Heilige und Hure fällt Frauen nicht leicht - erst recht nicht in der Fantasy. Die AutorInnen müssen stark darauf achten, dass der weibliche Charakter auch auf jeden Fall noch gut zu vögeln ist, auf der anderen Seite darf sie das nur unter bestimmten Bedingungen tun. Sobald ein weiblicher Charakter aus diesen Rahmenbedingungen ausbricht, muss sich die AutorIn damit auseinandersetzen, dass ihre Protagonistin ggf. als Schlampe bezeichnet wird und sie den Empörungen der LeserInnenschaft ausgesetzt ist.


du darfst ... nicht!

Eine Autorin erzählte mir neulich, dass sie von einer Leserin angesprochen wurde, die ihre Protagonistin schlampig fand und gar nicht frauenhaft, weil diese sich in einer Szene aus Lust und Spaß einen Mann aufriss und mit demselbigen die Nacht verbrachte. Dies kam mir sehr bekannt vor. Denn über meine Gwendolyn in der Elfengeschichte musste ich mir bereits ähnliche Kommentare anhören oder lesen. Meine Gwen würde sich nicht verhalten wie eine Frau, nein, sowas würde niemals eine Frau machen, unmöglich. Auf der anderen Seite sehe ich mich mit Vorwürfen konfrontiert, warum meine Protagonisten nicht miteinander ins Bett gegangen sind ... also ... irgendwie ...

Wenn ich mir dann die Romantasy-Standard-Werke ansehe, frage ich mich ehrlich, was ich als Autorin jetzt machen soll. In diesen Geschichten wird das Mädel entweder von Arschlöchern verführt, auf jeder (gefühlt) zwanzigsten Seite folgen dann sexuelle Inhalte, oder die Story hat ihren Höhepunkt eben im Höhepunkt. Wenn ich aber eine starke Frau einsetze, die sich eben auch mal einen Mann nimmt, wenn sie ihn braucht, dann ist es nicht angemessen? Frauen dürfen also nur Sex haben, wenn sie in einer Art Beziehung sind (oder sich darin glauben). Sie dürfen nur mit einem einzigen Mann schlafen (auch wenn er ein Arsch ist). Irgendwelche sexuellen Kontakte außerhalb einer festgelegten Grenze sind schlampig und die Frau mutiert zur Hure. 

Wenn wir uns dagegen einmal einen Mann betrachten wollen. Der Kerl in der Fantasy ist ein Held, aber sowas von. Dabei darf er sich nicht nur moralisch fragwürdig verhalten, er darf auch noch rumvögeln wie es ihm beliebt. Ja, das macht einen Helden aus. Niemand würde auf die Idee kommen, den Kerl als schlampig zu bezeichnen, aufgrund seiner zahlreichen sexuellen Ausbrüche. Niemand würde auf die Idee kommen, den männlichen Protagonisten derartige gesellschaftliche Rahmen aufzudrücken, wie man es mit einer Frau tut. Selbst wenn ein Held in einer Geschichte Ehebruch begeht, wird das gerade noch so mit einem Kopfschütteln und einem "typisch Mann"quittiert, während eine Frau gesteinigt werden würde. 


sonnenuntergangskulissenwürdig

Nicht unbeachtet muss auch der "Fuckability-Faktor" sein. Es ist unbedingt erforderlich, dass die Frau in der Geschichte gut zu vögeln ist. Während die Kerle so muskelbepackt wie möglich sein sollen, von Krieg und Kämpfen gezeichnet, dreckig und mit Narben übersät, stellt sich die Frau quasi schon fast als ein engelsgleiches Wesen dar: Sie muss zwingend schön sein, ohne irgendwelche Makel, die Haut glatt wie bei einem Kleinkind, keine Narben, keine Dehnungsstreifen, kein Gramm Fett und auf keinen Fall muskulös. Selbst Kriegerinnen, Söldnerinnen oder andere Kämpferinnen machen in der Fantasy eher eine schmalbrüstige Figur. Sie sind so hageldürre, dass man glauben könnte, sie würden unter der Last der Rüstung zusammenbrechen - wenn sie denn überhaupt eine Rüstung tragen würden (Über die Beschaffenheit der weiblichen Rüstung habe ich mich bereits in einem anderen Artikel ausgelassen). Dass sie unter diesen Umständen überhaupt ein Schwert halten können, ist wahrlich bewundernswert. Aber welcher Mann würde denn schon gern eine Frau vögeln, die mehr Muskeln hat als er selbst und sich eventuell auch noch wehren könnte, wenn sie mal keinen Bock auf ihn hätte?

Bock hat die Frau ja sowieso immer. Jedenfalls immer dann, wenn der Kerl das will. Wenn sie mal nicht sofort will, wird sie "überredet". Der Kerl macht dann einfach weiter, weil er weiß, dass sie das ja doch irgendwie will. Ich habe neulich eine Szene aus einem Buch gelesen, die in einer Büchergruppe auf Facebook geteilt wurde. Darin ging eine Frau, die eigentlich einen anderen Mann hat, mit dessen Bruder am Strand spazieren, Sonneruntergangskulisse in der Karibik - oder so. Dann wird sie plötzlich von dem Kerl angefallen und in den Sand geworfen, sie wehrt sich, er macht weiter, sie wehrt sich nicht mehr, erst fühlt sie sich schlecht und vergewaltigt, dann plötzlich fühlt sie sich gut und leidenschaftlich. Nachdem er sein Geschäft verrichtet hat, rollt er sich von ihr runter und beide gehen weiter am Strand entlang, als wäre nichts geschehen. 

Mädels... ist das tatsächlich euer ernst? Sieht so traumhafter sonnenuntergangskulissenwürdiger Sex aus? Nein! Aber in den schicken Romantasy-Heftchen wird das den LeserInnen als völlig normal verkauft, sich zum Sex "überreden" zu lassen. Solche Szenen, die im Realleben keine Frau wirklich erleben möchte, weil das eben eine Vergewaltigung darstellt, wird in Büchern als wünschenswert und normal dargestellt. Nicht nur, dass die Mädels, die das dann lesen, denken, sie müssten sich in so einer Situation dann eben auch so verhalten, wie die Protagonistin in diesem Buch, nein, auch männliche Leser können aus solchen Szenen - geschrieben von einer Frau - schließen, dass es total toll ist, eine Frau auf diese Weise zu behandeln, weil sie das so will! 


Fazit

Ich muss mich immer noch stark wundern, warum es in der heutigen Zeit immer noch problematisch ist, sich als Frau frei zu verhalten. Es wird immer noch mit verschiedenen Maßstäben gemessen und unterschiedliche Rahmen vorgegeben - das heißt, die Frau hat genau definierte Grenzen, während ein Mann diese gar nicht hat. Auch, wenn wir das im Alltag vielleicht nur unterschwellig sehen, es ist immer noch da und gerade in Büchern kommen diese Grenzen zum Vorschein. In den Geschichten wird vorgegeben, wie sich die Frau zu verhalten hat, um nicht aus Versehen außerhalb der Norm zu landen. Schnell ist mutiert sie von der Heiligen zur Hure, nur weil sie einem Mann auf den Hintern schaut oder sich gar mit ihm im Bett vergnügt. Eine Hure ist sie allerdings nicht, wenn sie sich dem Mann fügt und macht, was er will, auch wenn sie keine Lust drauf hat.

Ein Spagat auf einem seidenen Faden, der zu schnell reißen kann. Als AutorInnen haben wir die Möglichkeit, zu zeigen, dass auch ein Leben außerhalb der Norm, noch lange kein Leben als Hure bedeutet. Und was ist schon Norm? Für wen Norm? In der Fantasy können alle Rahmen neu gesetzt werden, dies können wir ausnutzen.


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