Schreiben: Wer hat dazu schon Zeit?

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Viele AutorInnen haben neben ihrem AutorInnenleben auch noch zusätzlich einen Brotjob, mit dem sie ihr Dasein und die Schreiberei finanzieren. Das ist harte Arbeit, besonders wenn das Schreiben nicht nur eine Art Hobby sein, sondern auf lange Sicht gesehen zum Erfolg führen soll. Ein Buch zu schreiben, dauert eben lange, gerade wenn man eigentlich keine Zeit dazu hat. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass so viele so wenige Bücher im Jahr schreiben. Zeit ist Gold.



Ich war neulich auf einer Lesung. Es waren sechs Selfpublisher geladen, die zehn Minuten lang aus ihrem aktuellen Buch vorgelesen haben. Es war sehr schön und mir hat besonders eine Fantasy-Geschichte gut gefallen, bis der Autor erzählt hat, wie diese entstanden ist:
Er selbst ist selbstständig mit einer eigenen Praxis (Ich glaube, er war Heilpraktiker), seine Frau arbeitete und sie hatten  zusammen drei Kinder. Der Mann erzählte dann wie die Geschichte so lange in ihm geschlummert hätte, jahrelang - klar, kennen wir fast alle mit unseren Herzensprojekten. Und dann hatte er eine Krise und wollte zwingend diese Geschichte zu Papier bringen - ja, kennen wir auch alle, irgendwie. Unser einer setzt sich dann neben dem Job und dem ganzen zusätzlichen Kladderadatsch hin und fängt endlich mit der Schreiberei an. Dieser Mensch machte es anders. Er erzählte wie selbstverständlich, dass ja jeder wüsste, dass man nicht schreiben könne, wenn Kinder im Haus leben würden. Deshalb hätte er sich für zwei Monate zu Freunden nach Südafrika in die Wildnis eingeladen und dort innerhalb von zwei Monaten das Buch zustande gebracht. Ehrlich jetzt? Kerl, du lässt deine Frau und deine Kinder allein in Deutschland zurück, um ein Buch zu schreiben, weil du sonst nicht in der Lage dazu bist? Ist das wirklich dein Ernst? Ja, war es. Ab diesem Moment fand ich die Geschichte kacke.

Die Zeitmaschine

Die meisten Selfpublisher haben einen Brotjob neben ihrem AutorInnenleben. Insbesondere Anfänger, die noch nicht vom Schreiben leben können. Das haben sogar viele VerlagsautorInnen. Es ist eben so, dass man schon sehr viel schreiben muss, um wirklich davon leben zu können und das dauert eben ein bisschen länger. Wir kämpfen nun so ziemlich alle damit, dass wir einen Job haben, der Zeit raubt, und - ohmeinGott - die meisten haben auch noch Familie, die ebenfalls Zeit in Anspruch nimmt, dazu der ganze Kram mit Haushalt, Termine, Verwaltungskram und und und. Und trotzdem kriegen wir es auf die Kette, Bücher zu schreiben. 

Klar bringe ich dann nicht jedes Jahr fünf dicke Romane zustande, aber ein bis zwei Bücher werden das schon. Ich überlege gerade, was wohl passieren würde, wenn ich plötzlich auf die Idee käme, mich zwei Monate auf eine einsame Insel zu verziehen, nur um eine Geschichte aufzuschreiben? Ich glaube, meine Umwelt wäre nicht sonderlich begeistert davon - besonders nicht meine Kinder und meine Mutter, die dann auf die Pokémonster aufpassen müsste.

Ich empfinde es als grobe Beleidigung, wenn mir einer erzählen will, er könne nicht schreiben, weil er Kinder hätte. Auf sowas kann doch nur ein Kerl kommen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Ganz besonders geistreich finde ich auch Kommentare, die mich darauf hinweisen, doch etwas schneller zu schreiben oder mehr zu veröffentlichen - klar, wenn du meine Kinder nimmst, meine Arbeit für mich erledigst und ich zwei Monate nach Südafrika verschwinden kann, mach ich das glatt. 

Erst neulich berichtete mir eine befreundete Autorin, dass sie ständig von anderen AutorInnen angesprochen und gedrängt wird, doch endlich ihren Roman zu veröffentlichen. Sie war ganz verzweifelt, weil sie noch so viel zu tun war, und fragte mich, wann sie denn jetzt bitte auch noch DAS erledigen soll. Eine andere Autorin und Lektorin berichtete mir, sie werde ständig gemaßregelt, sie hätte keine Struktur und müsse sich besser organisieren. Dabei hätte sie doch noch einen Vollzeitjob und wäre abends häufig einfach so platt, dass sie gar nichts mehr schaffe. Auch eine andere Kollegin, berichtet mir von solchen geistlosen Verbalattacken. Sie hat einen Job, einen Kleinverlag, ein Cover-Design und schreibt unter Pseudonym.

Besonders kommen solche Ratschläge von Leuten, die entweder keinen Job haben, einen reichen Partner, noch bei den Eltern wohnen oder bereits im Rentenstatus sind. Also Leuten, die sich kaum noch um zeit- und nervenaufreibende Jobs und anderen Kram kümmern müssen, sondern lediglich für sich selbst Verantwortung tragen brauchen. 

Qualität vs. Quantität

Die erfolgreichen AutorInnen, die wirklich viele Bücher im Jahr schreiben, haben sich das auch nicht von heut auf morgen aufgebaut, sondern Jahrelang daran gearbeitet. Ich kenne AutorInnen, die haben erst mit der Rente mit dem Schreiben begonnen, weil vorher einfach keine Zeit dazu war. Wenn man einen Job hat und auch noch etwas Privatleben leben möchte, dann geht das nicht innerhalb von ein paar Tagen. Dann braucht man Zeit und die kann man sich ruhig nehmen. Man möchte ja schließlich, dass es ein gutes Buch wird - zumindest ist das die Regel. 

Ich war neulich nämlich ziemlich enttäuscht. Es gibt eine Autorin, die ich sehr für ihren Ehrgeiz und Fleiß bewundert habe. Sie veröffentlicht mehrmals im Jahr und ist sehr erfolgreich als Autorin. Dann habe ich mir aber tatsächlich angesehen, was sie da schreibt und war ziemlich niedergeschlagen. Die Sprache war niveaulos und bei der Story hab ich schon auf der ersten Seite das Kopfschütteln gekriegt. Die Fakten waren nicht gut recherchiert und die Dialoge wirkten aufgesetzt und realitätsfern. Ich gehe mal davon aus, dass die Autorin ihre eigenen Bücher gut findet und sie hat ja auch eine breite Leserschaft und große Fangemeinde. Aber bevor ich etwas veröffentliche, das ich völlig kacke finde, nur um zu beweisen, wie fleißig ich wäre, bleibe ich lieber arm und werde erst in ein paar Jahren reich und berühmt.

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