Schreiben: Sind Männer Schweine oder nur Bad Boys?

Ich lese in letzter Zeit immer wieder dieselbe Story: Eine Tussi, die ihr Leben nicht auf die Kette kriegt begegnet einem reichen Kerl, der noch mehr Chaos in ihr Leben bringt. Der Kerl behandelt sie schlecht, aber sie liebt ihn natürlich über alles. Sie weiß, er ist der Eine, der einzig Wahre. Deshalb lässt sie alles über sich ergehen und weil er sie mit Geschenken überschüttet, verzeiht sie ihm natürlich. Am Ende sind sie ein glückliches Paar. Diese Geschichten kommen in allen möglichen Formen daher, bleiben aber immer die gleichen. Ich kann sie nicht mehr sehen, die Fußballer, Cowboys, Firmenchefs,  Rockstars, Multimillionäre oder Bad Boys. Gehandelt werden solche Geschichten als "Romance", doch sind das wirklich Liebesgeschichten, die da beschrieben werden? Ich habe einmal versucht, das genauer zu betrachten und wissenschaftlich zu belegen. 



What is Love?

Als Leserin mit einem Auge für Ästhetik dreht sich mir schon der Magen um, wenn ich mir allein die Cover anschaue: halbnackte Kerle, in Pose gesetzt, in Kombination mit einer grenzdebil dreinblickenden Tante, am besten in Schwarz-Weiß mit greller Schrift. Das ist das Markenzeichen der modernen Cinderella-Story. Ich lese grundsätzlich ungern reine Liebesgeschichten, weil beinahe alle nach demselben Muster gestrickt sind. Selbst in der Fantasy macht es sich breit, mit dem Unterschied, dass es hier reiche Vampire, reiche Gestaltwandler oder reiche Magier sind. Ich möchte das ja kaum als Fantasy bezeichnen. 

Ich habe letztes Jahr das Buch "Warum der Gärtner nie auf die Prinzessin hereinfällt - Das verborgene Drehbuch unserer Beziehungen" gelesen. Geschrieben hat es Robert J. Sternberg ein anerkannter Wissenschaftler in der Psychologie, der auf dem Gebiet der Liebe forscht. Laut Sternberg leben wir unsere eigenen Liebesgeschichten. Diese sind geprägt von der Umwelt und unseren eigenen Erfahrungen. Das heißt, dass was wir selbst erlebt haben hat einen genauso großen Einfluss auf unser Liebesleben wie der Film im Kino oder das Buch im Regal, nicht zu vergessen die Gesellschaft. Sternberg hat in seinem Buch mehrere verschiedene Arten von Liebesgeschichten gefiltert:
  • Asymmetrische Geschichten (z.B. Lehrer Schüler)
  • Objektgeschichten (z.B. Der Partner als Objekt)
  • Koordinationsgeschichten (z.B. Der Garten)
  • Literarische Geschichten (z.B. Prinz und Prinzessin)
  • Genregeschichten (z.B. Im Kriegszustand)
Ich versuche einmal herauszufiltern, welche Art von Liebesgeschichte wohl diese Romance dargestellt. 

Asymmetrie

Ich vermute zuerst eine asymmetrische Geschichte. Hier basiert die Beziehung auf ein Ungleichgewicht zwischen den Partnern. Es dominieren Machtfragen, Überwachung und Unterwerfung. Eine Art asymmetrische Liebesgeschichte ist das Regierungssystem. In einer autokratischen Beziehung übt quasi ein Partner allein die gesamte Macht aus, er trifft alle Entscheidungen und entscheidet auch, wer dies tut und wann es geschieht. Solche Beziehungen haben nicht nur religöse Gründe, sonder können schlichtweg am übersteigerten Machtbedürfnis des einen Partners liegen. Ich dachte deshalb auch an diese passende Art Liebesgeschichte, da hierunter auch Überwachung und Tyrannei fällt. Dabei ist das Horrorkabinett die schlimmste Form der asymmetrischen Geschichten, wo ein Partner dem anderen regelrecht Angst einflößen kann. Hier gibt der Partner an, er liebe derben Sex, verliebe sich eben nur in Menschen die "dies genauso wollen". Es geht um Überwachung, Dominanz und sogar körperliche Verletzungen.

Nicht selten üben die Männer in den Cinderella-Storys ihre Macht darüber aus, dass sie ihre Partnerin kontrollieren. Es wird verboten, dass die Frau Kontakt zu anderen Männern hat. Es wird ihr neue Kleidung gekauft, damit er kontrollieren kann, was sie anzieht. Häufig werden die  Frauen in den Geschichten überwacht oder sie muss sich rechtfertigen, warum dieses oder jenes getan oder nicht getan hat. Er behandelt die Partnerin schlecht und entschuldigt sich hinterher mit materiellen Geschenken. Damit lässt er sich bestätigen, dass die Partnerin dies ja genauso wolle. Die Partnerinnen werden irgendwo angekettet oder gegen ihren Willen am Strand mit Sonnenuntergangskulisse angefallen. Aber es ist natürlich so, dass ER genau weiß, was SIE will und sie will es natürlich genauso wie ER es ihr vorschreibt. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht, denn ER ist ja schließlich normal und weiß, dass SIE es genauso haben will. Sonst wäre sie ja schließlich nicht mit ihm zusammen.

von der wundersamen Heilung

Als nächstes vermute ich die Liebesgeschichte der Heilung, die in die Kategorie der Objektgeschichten gehört. Hier dreht sich alles um Überleben. Einer der Partner hat ein Trauma erfahren (Sucht, Misshandlung, Haft, Krieg, scheiß Kindheit, etc.) und sucht in einer Beziehung nach Heilung. Das Ziel solcher Beziehungen ist es, etwas in dem anderen Partner finden zu können, was man bei sich selbst nicht finden kann. Daraus entsteht für den Partner eine Co-Abhängigkeit. Auf der einen Seite versucht die Person, ihre Vergangenheit zu überwinden, auf der anderen Seite ist sie doch ein wichtiger Bestandteil der Beziehung. Ein Problem dabei besteht darin, dass sich der Partner ändern will, es aber nicht schafft. Der Co-Abhängige läuft daher Gefahr, in eine unendliche Geschichte verwickelt zu werden. Eine echte Heilung wird nie erreicht. Problematisch ist es auch, wenn der Co-Abhängige das Gefühl braucht, einem einem anderen Menschen zu helfen, weil er sich sonst minderwertig fühlt. Eine Beziehung auf so eine Basis zu stellen ist mehr als ungünstig.

Ich bin der Meinung, dass diese Romance-Storys zum Teil auch Heilungs-Geschichten sind, weil viele der beschriebenen Männer mehr oder minder traumatische Erlebnisse haben, aus der sie die eine Partnerin befreien soll. Meist besteht das schlimme Erlebnis, dass diesen Mann zum Arschloch gemacht hat, natürlich in der furchtbaren Kindheit, als Abkömmling reicher Menschen. Denn alle reichen Menschen sind schließlich schlechte Eltern und vernachlässigen ihre Kinder (alle armen Menschen übrigens auch). Aber hey, der Kerl hat ja jetzt eine "normale" Freundin, die ihn von den Drogen oder einem frivolen Lebensstil wegholt und ihn auf den Boden der Tatsachen bringt. Ohne sie schafft er es nicht. Und weil sie das weiß, wird sie sich niemals von ihm trennen. Selbst dann nicht, wenn die Beziehung asymmetrisch wird.

Objekt vs. Subjekt

Sternberg führte mehrere Studien durch. Dabei stellte sich heraus, dass die männlichen Probanden überwiegend auf Objektgeschichten fixiert sind. Sie hängen Liebesgeschichten an, in denen die Partnerin ein "Kunstwerk" darstellt, "die Sammlung" vervollständigt. Die weiblichen Probanden dagegen erreichten überwiegend hohe  Werte bei der Liebesgeschichte der "Reise". In einem Test mit Paaren (n=43) stellte sich heraus, dass Männer ihre Partnerin als Objekt sehen und sich gern als Nutznießer eines Opfers, das von der Frau erbracht wird.

In Objektgeschichten werden die Partner nicht um ihrer selbst willen geliebt, sondern in ihrer Funktion als Objekt. Solange die Parterin also ihre Funktion erfüllt, ist alles gut. Wird die PartnerIn also zum Beispiel wegen seines äußeren Erscheinungsbildes geschätzt, funktioniert die Partnerschaft so lange die PartnerIn schön genug ist. Dann wirds kritisch. Es wird sich für eine PartnerIn entschieden, weil sie eben in die Sammlung passt, ähnlich eines gesammelten Gegenstands. So entscheidet sich eine Person häufig für eine PartnerIn einfach aus dem Grund, dass es nun mal an der Zeit ist, sich zu binden. Eine PartnerIn würde gerade die perfekte Ergänzung zum Lebensstil sein.



Baby, don´t hurt me, don´t hurt me,  no more...

Ich habe die anderen Geschichten auch abgeprüft, aber meines Erachtens passen diese beiden Varianten am Besten. Wenn man sich einmal diese Art von Paar in einer längeren Beziehung vorstellt, wird schnell klar, dass das gar nicht funktionieren kann. Die Frau würde in einem Horror-Szenario feststecken, das sie vollkommen abhängig von ihrem Partner werden lässt, bis sie sich nicht mehr traut die schlechte Beziehung zu beenden. Ich frage mich ernsthaft, wie AutorInnen ihre eigenen Protagonisten in eine solche Beziehung laufen lassen können. 

Aber soweit denkt man bei einer Liebesgeschichte gar nicht. Es geht einzig und allein um das "Sich-Finden". Der Soziologe Francesco Alberoni nennt das den "Entstehungszustand" und bezeichnet die Zeit, in der das Paar sich  neu gefunden hat und sehr verliebt ist. Es wird daher immer schwieriger, seine Rolle als Prinz oder Prinzessin aufrecht zu erhalten, je näher der Partner einen kennt. (Sternberg, 2002) Dennoch gibt es diesen Zuneigungshunger aus der Verliebtheit heraus, der eine sehr starke Wirkung ausübt. Wenn er die Phase des Verliebt-Seins überdauert, kann er das Urteilsvermögen beeinträchtigen, die Entschlossenheit und Willenskraft zerstören und damit eine Person zwingen, in einer Beziehung zu bleiben, die eigentlich schlecht für sie ist.  Durch den Zuneigungshunger wird die Abhängigkeit in einer Beziehung am Leben gehalten. (Halpern, 2015) Das ist nicht gesund, Mädels!

Wenn ich mir den Beziehungsverlauf der beiden Protagonisten so vorstelle, dann muss ich erschreckende Parallelen der Charaktereigenschaften der dargestellten Kerle, zu denen eines gewissen amerikanischen Präsidenten mit schlechter Frisur feststellen. Die Kerle sind aufbrausend, bockig, teilweise ziemlich dumm, kontrollsüchtig, bestechen alle möglichen Leute mit Geld, keiner mag sie richtig und sie haben ein übersteigertes Geltungsbedürfnis. Mal abgesehen davon, dass sie ihre Freundinnen / Frauen schlecht behandeln. Liebe AutorInnen und LeserInnen, möchtet ihr wirklich mit so einem zusammen sein?


Fazit

Ein Kerl, der Frauen schlecht behandelt ist ein Arschloch und bleibt dies, auch wenn er sich danach Liebe mit teuren Geschenken erkaufen will. Eine Rose zum Valentinstag entschuldigt kein blaues Auge! In den Büchern werden üble Geschichten beschrieben und als normal und "wünschenswert" für die Frau dargestellt. Sollte man nicht lieber Bücher darüber schreiben, wie man sich aus solchen Beziehungen befreien kann, nicht wie man in sie hineinrennt? Aus solchem Stoff sind Thriller gemacht, keine Liebesgeschichten!

  ... Immer, ja wirklich immer, haben Typen wie du was auf die Fresse verdient... 
(Die Ärzte, Lied: Manchmal haben Frauen ein kleines bisschen Haue gern)



Quellen
Robert J. Sterberg (2002). Warum der Gärtner nie auf die Prinzessin hereinfällt - Das verborgene Drehbuch unserer Beziehungen. Knaur.
Howard M. Halpern (2015). Liebe und Abhängigkeit. inkopress. Auch Online

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