Anja liest: Jojo Moyes - Ein ganzes halbes Jahr

Ich habe dieses Buch bereits vor 1,5 Jahren gelesen, weil es überall hoch gelobt wurde.  Es heißt, es würde sich mit der Thematik Sterbehilfe auseinander gesetzt werden, und die Liebesgeschichte wäre ja soooo schön. Sorry, da muss ich leider widersprechen. Ich fühle mich derart in meiner Intelligenz beleidigt, dass ich dieses Buch am liebsten verbrannt hätte. Ich hab es dann aber für 0,50Cent auf dem Flohmarkt verkauft. Weil mich eine gute Freundin unbedingt um eine Rezension dieses Romans gebeten hat, soll sie diese auch bekommen. Tadaaa!

Es geht um Lou, die gerade ihren Job in einem schäbigen Café verloren hat und nun zum Arbeitsamt muss. Dort passen sehr viele Jobs überhaupt nicht auf sie und letztendlich wird sie als Betreuerin für einen Behinderten eingesetzt.  Der Job sieht es lediglich vor, den mürrischen Will zu bespaßen. Nachdem sie sich irgendwie zusammengerauft haben, kommt heraus, dass Will in der Schweiz professionell sein Leben beenden lassen möchte. Er bis zu einem Unfall war ein Workaholic, Extremsportler und Frauenheld. Da er keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht, möchte er die Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Lou, die sich in ihn verliebt hat, will das um jeden Preis verhindern und startet alle möglichen Versuche, einschließlich Urlaub am Meer. Doch sie kann es nicht verhindern und muss Will auf seinem letzten Weg begleiten.

Wo fange ich an... Also, an sich ist die Idee bestimmt nett... aber auch nichts neues. Es ist eine simple Liebesgeschichte, die sicher auch - ein wenig abgespeckt - in einem Dreigroschenroman Platz gefunden hätte. Mädchen verliebt sich in Junge, Junge stirbt. Das Schema passt auf viele Geschichten:Junge trifft Mädchen, Junge zieht in den Krieg und stirbt;  Junge hat Unfall und stirbt; Junge hat unheilbare Krankheit und stirbt. Also schon mal gar nicht so spektakulär. Hochgebauscht wird das ganze aber durch das Tabu-Thema "Sterbehilfe", die in manchen Europäischen Ländern erlaubt ist, in den meisten nicht. Allerdings wird sich damit so ziemlich gar nicht auseinander gesetzt. Alle wollen nur erreichen, dass Will sich gegen den Tod entscheidet. Niemand versucht auch nur ansatzweise seine Intention zu verstehen und nachzuvollziehen. Es wird sich nicht damit auseinandergesetzt, was der Tod für diesen Menschen bedeutet und was das Leben für ihn wirklich lebenswert macht. Jeder hat da seine eigenen Vorstellungen. Und in diesem Buch versucht jeder Will seine Idee vom Leben aufzudrängen. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass dieser Mann ein hochintelligenter Mensch ist, der sich anscheinend sehr genau darüber Gedanken gemacht hat, warum er diesen Schritt gehen möchte. Ihm wird einfach mal die Fähigkeit abgesprochen, eigene Entscheidungen treffen zu können. Lasst den armen Mann doch endlich in Ruhe sterben! Nein, dieser muss sich bis zum Schluss Vorwürfe anhören. Es wird sich nicht mit moralischen Grundlagen befasst, Werte und Ethik ausgelotet, sondern dem Leser wird einfach die Meinung aufgedrückt: Sterbehilfe ist scheiße. Wer sich jemals auch nur ansatzweise mit dem (nahen) Tod eines geliebten Menschen befassen musste, macht sich definitiv andere Gedanken, als es die Charaktere in diesem Buch tun.

Die Charaktere sind in dieser Geschichte so langweilig und stereotypisch, dass man sie getrost durch jeden x-beliebigen austauschen könnte. Sie reagieren automatisch, emotionslos und eine Entwicklung kann ich auch nicht wirklich feststellen. Lou versucht nicht ansatzweise ihren Will zu verstehen. Sie liebt ihn, also muss er leben. Fertig. Das sind Gedankengänge, die ich einem Teenager zutraue, aber keiner End-Zwanzigerin, mit ausreichend Lebenserfahrung. Absolut ignorant. Da entdecke ich doch ganz ungeahnte Aggressionen in mir!
Immerhin ist die Wortwahl sehr einfach gehalten, so dass es auch definitiv jeder versteht.

Das heißt für dieses Buch, dass es sich lediglich um eine flache, vorhersehbare Liebesschmonzette handelt, die es nicht Wert ist in meinem Bücherregal zu stehen. Sowas kommt doch echt dabei raus, wenn man sich mit den Freundinnen zu viel Wein genehmigt und dabei die Bravo gelesen hat.

Ich kann mir vorstellen, dass es ein Buch ist, was man nach einem blutigen Psychothriller, der einem die Schutzfolie von der Seele gekratzt hat, gut lesen kann, um einigermaßen wieder ´runterzukommen. Es ist ein Buch, passend für Personen, die sich nach "der großen Liebe" sehnen, weil sie diese in ihrer eigenen Partnerschaft vermissen, aber lieber jammern, als daran zu arbeiten. Ein Buch für Leute, die sich nicht groß über das Gedanken machen wollen, was sie lesen, sondern dieses nur aus lauter Langeweile tun oder um ihr Hirn auf Urlaub zu schicken.

Ich habe außerdem "Eine handvoll Worte" von der Autorin gelesen und jammere heut noch über meine verschwendete Zeit.  Es ist schlecht. Wirklich.  Es ist schlecht recherchiert, lieblos zusammengehackt, absolut vorhersehbar, die Charaktere austauschbar; die Protagonistin ist absolut dümmlich - ein Schlag ins Gesicht eines jeden ernsthaften Journalisten. Ich wusste in der Mitte des Buches schon, wie es enden wird - und es hat sich auch noch bewahrheitet. Mir kommt es vor, als würde die Autorin alte Geschichten aus Cora-Heftchen neu aufwärmen und diesen nur noch ein schöneres Cover verpassen. Die Bücher von Jojo Moyes sind was für Leute, die auf keinen Fall hinterfragen möchten, was sie da lesen. Hätt ich gewusst, dass man mit sowas Geld verdienen kann, hätt ich mir mein Studium gespart...


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