Anja liest: Ernest van der Kwast - Fünf Viertelstunden bis zum Meer

Dieses Buch habe ich von meiner Mutter geschenkt bekommen - sie trifft aber auch immer ins Schwarze. Auf schlanken 96 Seiten kommt eine wunderbare Geschichte über die Liebe des Lebens daher. 


Ezio, der alte, der einsame, faltet eines Morgens einen Brief auseinander. Einen Brief, der zig mal geschrieben, aber nie abgeschickt wurde. Und plötzlich kommt sie ihm wieder in den Sinn, die unwiderstehliche Giovanna Berlucchi. Fast sechzig Jahre haben sie sich nicht gesehen und jetzt bittet sie um ein Treffen. Ezio erinnert sich: an einem schönen Sommertag im Juni 1945 war sie plötzlich am Strand aufgetaucht - in einem Zweiteiler. Der Bikini war damals noch nicht erfunden und so war es eine Sensation. Ezio verliebt sich unsterblich in die schöne Giovanna und sie beginnen eine leidenschaftliche Beziehung. Er will sie heiraten. Er macht ihr zwei Heiratsanträge in diesem Sommer. Doch Giovanna will frei sein. Sie liebt das Meer und ihre Unabhängigkeit. Ihr Herz bleibt ihr Eigentum. Verletzt und voller Kummer flieht er. So weit weg wie möglich. Das ist für ihn Bozen. In den Sommern dort pflückt er Äpfel, in den Wintern melkt er Kühe. Aber eine andere Frau hat er nie gewollt. Er sehnt sich nach Italien, nach San Cataldo und dem Meer. Genau wie Giovanna, die nie geheiratet hat, weil ihre Freiheitsliebe dies nie zuließ. Und die nach unzähligen Affären und missglückten Beziehungen erkennt, dass Ezio ihre einzige Liebe war und immer noch ist. 

"Plötzlich kamen die Düfte, als habe jemand einen dampfenden Teller mit Pasta vor ihm auf den Tisch gestellt. [...] Ein überwältigendes Parfüm, das er einatmete, festhielt, durch seinen Körper ziehen ließ; und nach seinem Bauch und seinem Herzen erreichten die Duftmoleküle von Blüten und Sommerkleidern die Gräben seines Gedächtnisses."

Der Autor schafft es, auf 96 Seiten, ein kleines Kunstwerk zu schaffen. Er schreibt in dichter, klarer Sprache - es klingt poetisch wie er durch die Zeiten springt und dem Leser das Leben der beiden Protagonisten vorlebt. Trotzdem kommt die Handlung flüssig voran und bleibt verständlich. Oft werden Geschichten mit zu viel Sprüngen unübersichtlich und konfus; hier jedoch nicht. Es bleibt nachvollziehbar.

Die Charaktere werden wunderbar gezeichnet. Man kann die Entscheidung Ezios nachvollziehen, weil man sein Wesen verstehen kann (auch, wenn seine Flucht für einen selbst völlig außer Frage gestanden hätte). Während Ezio eher ein nachdenklicher Mensch ist, sich zurückzieht und sein gebrochenes Herz pflegt, lebt Giovanna ihr einziges Leben in Freiheit, bis die Sehnsucht sie einholt.

"Dann kam die Sehnsucht.
Die Sehnsucht, die allmählich wächst, wenn sie nicht gestillt wird, die immer stärker wird, solange Fragen bleiben. Die Sehnsucht, die endlich aus dem tiefen Brunnen der Vergangenheit emporgestiegen war."

Gerade weil die Geschichte auf diese geringe Seitenzahl gepresst ist, wirkt sie umso intensiver. Die Stimmung Italiens in einem heißen Sommer, die Sonne und das Meer, das Rauschen der Wellen, der feine Sand auf der Haut, wird durch die feine Sprache des Autors authentisch übertragen. Trotz der Tragik der Geschichte bleibt sie leicht und hoffnungsvoll. Und ist es nicht genau das, was Liebe ist: hoffnungsvoll? 
Ich glaube, das Buch kann ebenso am Strand gelesen werden, wie zu Hause mit einer Tasse Tee. Es lässt einen nicht zurück mit einer Leere und Trauer im Herzen, sondern gibt Hoffnung und Zuversicht. 

Es erinnerte mich sehr an das Gedicht von Goethe:


Freudvoll

Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Hangen
Und bangen
in schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
zum Tode betrübt -
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

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