Anja liest: Killen McNeill - Am Schattenufer

Dieses Buch war ein Blind-Date, welches ich auf der Buchmesse am Stand der Hochschulen beim Memory gewonnen habe. Auf dem Paketpapier stand "Was geschah im September ´73", weshalb ich es für einen Krimi hielt und auswählte. Aber es kam dann doch ganz anders. Trotzdem hat mich die Geschichte gefesselt.



John wächst in Mitchelstown auf, einer Kleinstadt, die sich mitten im Nordirlandkonflikt befindet. Seine gesamte Kindheit ist davon geprägt ständig Angst vor Anschlägen und vor Katholiken zu haben, denn John ist protestantisch.
Er ist mitten im Studium und kurz vor seinem Auslandsjahr in Deutschland, als der Konflikt auch seine unmittelbare Umgebung in Mitleidenschaft zieht. Das Bekleidungsgeschäft seiner Familie wird in die Luft gesprengt, wie viele andere Geschäfte und Plätze in der Stadt. Das Kino, einige Pubs, liegen bereits in Schutt und Asche. Während des Bombenanschlags wir die Freundin seines Bruders durch einen herumfliegenden Ziegelstein getötet, woraufhin sein Bruder in Depressionen verfällt. 
Da ist es verständlich, dass ihm Deutschland wie ein Paradies vorkommt. In Oberfranken ist er als Englisch-Lehrer tätig und soll seine Zulassungsarbeit schreiben. Dann lernt er bei einem Dubliners-Konzert Teresa (wieder)kennen. Sie entstammt ebenfalls aus Mitchelstown und sie kennen sich aus dem Schulbus. Schon damals war John hin und weg von ihr. Doch das Problem: Teresa ist katholisch. Allerdings stört sie das in Deutschland nicht im Geringsten. Sie verlieben sich, treffen sich zunächst heimlich, streiten sich über Politik, bis sie sich offiziell zueinander bekennen - nur vor ihren Familien halten sie es geheim, denn diese sind untereinander verfeindet. John beginnt mit seiner Zulassungsarbeit über die Nazis in seinem Ort, und mit Teresas Hilfe wird er richtig fleißig. Nebenbei arbeitet er in einem Fotogeschäft und entdeckt seine Liebe zur Fotografie. Teresa und John ziehen zusammen und machen Pläne für die Zukunft, bis es zum großen Knall kommt.

Die Geschichte wird aus der Sicht von John erzählt, der verzweifelt seine Ruhe sucht. Er will nichts mehr mit den Konflikten in Nordirland zu tun haben und will in Deutschland bleiben. Aber selbst in diesem Paradies entdeckt er Risse. Bei seinen Recherchen zu seiner Zulassungsarbeit deckt er Geheimnisse auf, die niemand hören will. Die ganze Zeit steht zwischen Teresa und John die Frage, wie es nach dem Auslandsjahr weitergehen soll. Sie lieben sich, aber das reicht nicht aus. Der Leser lernt John und seine Ansichten sehr genau kennen. Die Konflikte seines Landes verfolgen ihn und er wird von ihnen eingeholt.

Ganz besonders gut haben mir die Landschaftsbeschreibungen beider Länder gefallen. Die zerklüftete Landschaft Nordirlands, das Meer, die Klippen, der Wind. Und der Wald in Deutschland, die Wiesen, das Licht, der Fluss. Es ist herrlich wie der Autor die so ganz unterschiedlichen Landschaften so lebendig beschreibt, dass man sie ganz genau vor seinem inneren Auge sieht.

"Ich liebe den Wald. Ich denke, für die Franken ist der Wald das, was für die Iren das Meer ist."

Ich habe dieses Buch wirklich ungern aus der Hand gelegt. Es hält durchweg ein Spannungsniveau, dass es einem nahezu unmöglich ist das Buch zuzuklappen und wegzulegen. Es handelt sich hierbei kaum um keine Liebesgeschichte. Die Unruhen und Auseinandersetzung mit der Zukunft in einer, durch Konflikte geteilten und zerstören, Heimat, stehen im Vordergrund. Beide Protagonisten müssen sich entscheiden und abwägen. Das ist nicht einfach. Gerade weil beide ganz unterschiedliche Sichtweisen dazu haben. Dabei werden häufig Parallelen zur Nazizeit in Deutschland gezogen, in der Personen aufgrund ihrer Religion verfolgt wurden, genau wie in Irland, wo sich die Parteien über ihre Religionen bekriegen.

Man weiß als Leser schon ganz genau, wie es ausgehen wird, wenn man mit diesem Buch beginnt. Das kann doch nicht gut gehen! Und der große Knall kommt wirklich. Allerdings hat der Autor das Geschick die Geschichte so spannend und unterhaltsam zu gestalten, dass es weder vorhersehbar, noch langweilig wird. Er schreibt in einer klaren Sprache, schnörkellos und sehr eindeutig, was mir sehr gut gefällt. Der Autor selbst ist Ire und kam 1973 als Austauschstudent nach Deutschland - und er blieb. 

Ich kann dieses Buch wirklich empfehlen und bin froh, dass ich es auf der Buchmesse gewonnen habe.

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