Anja liest: Volker Weidermann - Ostende 1936, Sommer der Freundschaft

Dieses Buch habe ich beim Stöbern im Regal meines Buchhändlers entdeckt. Es lag da so unscheinbar und klein. Ich hatte bis dato noch nichts von diesem Buch gehört oder gelesen, keine Rezension, keine Empfehlung, nichts. Deshalb hab ich es mitgenommen... und gelesen. Jetzt bin ich beeindruckt. 



Volker Weidermann schreibt über die deutschen Schriftsteller, die Deutschland kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges verlassen mussten oder wollten. Sie finden ein Exil in Ostende, einer Küstenstadt in Belgien und fühlen sich wie Urlauber - auf bestimmte Zeit. Hier entstehen die Geschichten von Stefan Zweig, Joseph Roth und Irmgard Keun. Sie treffen sich mit anderen Größen der deutschen Literatur- und Verlagswelt, um gemeinsam zu trinken, zu diskutieren, über Nazi-Deutschland, über die Olympischen Spiele, über Literatur, über Politik und darüber, wie es wohl weitergeht. Niemand spricht es aus, alle geben sich optimistisch. Und das müssen sie auch sein. Sie feiern. Ein Tanz auf dem Vulkan. Niemand weiß, was nach dem Sommer kommt.

"Ernst Toller leidet unter schweren Depressionen, ist lebensmüde, pessimistisch bis zur Selbstaufgabe. Seine Geliebte und seit letztem Jahr seine Ehefrau Christiane wird später davon erzählen. Dass sie ihm auf seinen Reisen immer einen Strick ganz oben in den Koffer packen musste. Damit ihm der Ausgang jederzeit offenstand."

Weidermann bedient sich vieler Metaphern und bildlichen Beschreibungen. Er schreibt zum einen sehr klar und deutlich, spricht aus, was er zu sagen hat. Er schreibt in Schachtelsätzen, er wiederholt sich absichtlich, er schreibt viel in indirekter Rede, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen. Und es wirkt. Das Buch hat mich schwer beeindruckt.

Es ist nicht "einfach" zu lesen, dieses Buch. Es steckt voller Verzweiflung, voller Optimismus, voller Hoffnung. Als Leser erhält man einen Eindruck vom Leben im Exil, vom Vermissen der Heimat, der Freunde und Familie. Sie sind Menschen ohne Wurzeln geworden. Sie suchen nach Halt. Und das unterscheidet sie nicht von anderen Exilierten, ob sie nun große Dichter sind, oder nicht. Man liest dieses Buch und weiß von Beginn an, dass es nicht gut Enden wird - denn, wir alle kennen uns in der deutschen Geschichte soweit aus, dass wir wissen, was in den Jahren danach passieren wird. 

"Wir werden nicht alt, wir Exilierten"

Dieses Buch würde ich nicht am Strand im Urlaub lesen! Es ist ein Buch, was einem schwer auf der Seele liegt, einen zum Nachdenken anregt. 

Kommentare

  1. Das klingt interessant. Ich mag es gerne, wenn Bücher nicht nur unterhalten, sondern einen auch mal fordern, und es muss auch nicht alles eingängig sein für mich. Gerade solche Bücher eignen sich aber für mich gut für den Strand, in schöner Umgebung lesen sie sich leichter :-). Nun ja, abgesehen davon, dass ich Strände nicht mag, aber du weißt schon, was ich meine ;-).

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  2. Hey Claudia, danke für deinen Kommentar. Ich habe mir deinen Blog angeschaut und finde ihn wirklich gut. Deine Mischung aus Philosophie und Literatur gefällt mir sehr. Ich werde öfter bei dir vorbeischauen :)

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