Anja liest: Eric-Emmanuel Schmitt - Die Träumerin von Ostende

Eric-Emmanuel Schmitt ist einer meiner Lieblingsautoren, weshalb ich keine Sekunde zögerte, als ich das kleine Büchlein in der Buchhandlung meines Vertrauens entdeckte. Und ich wurde wiederum nicht enttäuscht. 

Die Träumerin von Ostende ist ein Buch mit fünf Kurzgeschichten, wobei die erste Geschichte (Die Träumerin von Ostende) die längste von allen ist. Zum Ende hin werden die Erzählungen immer kürzer. Es geht um Rätsel und Geheimnisse. Manche werden gelöst, andere bleiben für immer mysteriös.

"Das Interessante an einem Rätsel ist nicht die in ihm verborgene Wahrheit, sondern das darin enthaltene Geheimnis."


In der ersten Geschichte (Die Träumerin von Ostende) geht es um einen Autor aus Paris, der in dem belgischen Hafenort einen Ruhepunkt sucht, um sein gebrochenes Herz zu heilen. Er wohnt bei Emma van A. in einem Gästezimmer. Die Dame ist nach einem Schlaganfall gelähmt und sitzt im Rollstuhl, geistig jedoch ist sie uneingeschränkt brillant, liebt Klassiker, wie Odysseus und Homer. Und sie hat ein Geheimnis. Bisher hat sie es niemandem erzählt, doch jetzt, wo ihr Tod naht, vertraut sie sich dem jungen Mann an, der ihr Gästezimmer bewohnt. Die Dialoge, die sich zwischen den beiden spinnen, sind geistreich und intelligent, vielseitig und philosophisch. Daher ist es auch die Geschichte, die mich am meisten berührt hat.

"Es ist nämlich so, wenn Sie über eine Trennung hinwegkommen, dann war die ganze Sache es auch nicht wert."
Ich war perplex.
Sie musterte mich eingehend und erklärte dann in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete:
"Eine Liebe, über die man hinwegkommt, war nicht die Liebe."

Die zweite Geschichte erzählt die Begebenheit eines Perfekten Verbrechens. Eine Frau stößt nach 30 Jahren glücklicher Ehe ihren Mann von der Felsklippe, um an sein Geheimnis zu gelangen, welches sie seit drei Jahren quält. Nur, um dann hinterher festzustellen, dass sie sich geirrt hat.
Ich muss zugeben, diese Geschichte hat mich nicht wirklich beeindruckt. Sie kommt, nachdem man die Träumerin gelesen hat, etwas plump daher und irgendwie ... grausam. 

In Die Heilung wird die Geschichte einer Krankenschwester erzählt, die sich für hässlich hält, bis ein erblindeter, sterbender Patient sie vom Gegenteil überzeugt. Sie blüht auf und wird durch eine andere Sichtweise auf ihr Leben geheilt.
Diese Geschichte hat mir wirklich mehre herzschmerzliche Seufzer entlockt. Es ist eine sehr niedliche Geschichte mit einem traurigen Ende.

In den Miserablen Büchern liest ein Universitätsprofessor, dessen gesamte Wohnung mit Lexika und Fakten vollgestellt ist, zum ersten mal einen Roman. Und versinkt dabei in den Untiefen der Geschichte. Dumm nur, dass es ein Horror-Roman ist. 
Diese Geschichte habe ich eigentlich nur überflogen, weil sie nicht im entferntesten an die anderen Erzählungen herankommt. Aber ich fand die Idee sehr interessant, von einem der zum ersten mal einen Roman liest und dann nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann. Die Geschichte ist schon sehr makaber.

In der letzten Geschichte Die Frau mit dem Blumenstrauß wird erzählt, wie ein Autor eine alte Dame am Bahnhof entdeckt. Sie sitzt da, mit einem Strauß voll oranger Blumen, und wartet. Der Autor beschäftigt sich mit den Fragen: "Worauf? Auf Wen oder auf Was, wartet sie?"
Dies ist eine sehr mysteriöse Geschichte, die am Ende einige Fragen offen lässt. 


Ich muss sagen, dass ich die Zeit mit dem Büchlein sehr genossen habe. Schmitt hat einen sehr wandelbaren Schreibstil, der mir sehr gut gefällt, und durch den man sich hervorragend in die verschiedenen Perspektiven einfinden kann. Und genau deshalb mag ich den Autor so sehr. 
Geschichten sind alle sehr einfallsreich und fantasievoll ausgestaltet. Ich kann nicht mal sagen, dass mir das perfekte Verbrechen nicht gefallen hat, es war nur nicht so geistreich wie die vorangegangene Geschichte. Und ganz klar setzt die Träumerin sehr hohe Maßstäbe, an die eigentlich nur die letzte Geschichte wirklich herankommt. Trotzdem waren alle Erzählungen sehr kurzweilig und haben mir - jede für sich genommen - sehr gefallen.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Anja liest: Robert J. Sternberg - Warum der Gärtner nie auf die Prinzessin hereinfällt

Anja liest: Jojo Moyes - Ein ganzes halbes Jahr

Anja liest: Stefan Wollschläger - Friesenklinik