Anja liest: Moritz Rinke - Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel

Paul wird aus Berlin nach Worpswede, sein Heimatdorf, beordert, weil sein Erbe den Bach runter geht - oder besser: im Moor versinkt. Dort trifft er auf auf Widrigkeiten, die er aus dem Weg schaffen muss, auf mehrere Geheimnisse, die es zu lüften gilt, seine Vergangenheit, die er zu bewältigen versucht...


Dieses Buch hat mich wirklich gefesselt. Die Geschichte ist so detailreich und spannend, dass ich sie nicht aus der Hand legen wollte.
Es gibt mehrere Protagonisten. Nicht alles dreht sich nur um Paul! Wer ist eigentlich Paul?! Die Familiengeschichte der Kücks wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Da wäre zum einen Peter, der seit 35 Jahren Rachegelüste hegt, weil ihn Pauls Mutter damals wegen eines anderen verlassen hatte und er selbst seit dem nichts mehr auf die Reihe gekriegt hat. Dann gibt es noch den neugieren Nachbarn, der seinem Bildhauer-Rivalen nur zu gern eins Auswischen wollte. Es gibt Marie und Hilde und Grete und den Großvater. Es gibt Nullkück, der liebenswürdigste von allen, dessen Herkunft ein Rätsel darstellt. Eigentlich stellt in Familie Kück alles ein Rätsel dar: Der Butterkuchen, von dem angeblich Willy Brandt abgebissen haben soll, wird eingeschweißt in der Tiefkühltruhe verwahrt und bei jeder Gesellschaft vorgezeigt - genauso, wie ein Kochtopf, der von dem Dichter Rilke stammen soll. Die gesamte Familie ist verschroben und undurchsichtig. Wo ist Marie geblieben? Ist sie wirklich von der Gestapo abgeholt worden oder stimmen etwa die Gerüchte, die man sich im Dorf erzählt? Warum hat Paul eine Moor-Allergie? Gibt es so etwas überhaupt? Wie weit geht Familienehre? Wahrheit oder Pflicht? Warum scheint die Mutter vor allem die Augen zu verschließen? Warum hasst die Großmutter Marie so sehr? Und was zum Henker ist da im Moor versunken? "Nee, so geiht dat nicht!"
Das Buch ist sehr interessant geschrieben, die einzelnen Charaktere mit all ihren Eigenheiten und Kanten oder auch Dialekten (Kann man Plattdeutsch als Dialekt bezeichnen?) sehr gut herausgearbeitet. Manchmal werden die einzelnen Passagen etwas lang, besonders wenn sich Peter wieder seinem Selbstmitleid oder Rachegedanken ergibt. Aber aus irgendeinem Grund schafft es der Autor, genau dann ein neues Kapitel anzubrechen, wenn es langweilig wird. Und deshalb wird es nicht langweilig. Es bleibt spannend bis zum Schluss mit Paul auf "Entdeckungsreise" zu gehen.
Was mir besonders gut gefallen hat, sind die Beschreibungen der Kunstgegenstände um die es in diesem Buch geht. Worpswede als Künstlerkolonie hat einige bekannte Maler und Bildhauer herausgebracht, deren Werke sehr lebendig und liebevoll dargestellt sind. Für jeden Kunstliebhaber eine Wonne!
Das Ende ist ... erschreckend...  bei aller Verkorkstheit der Familie: DAS hätte ich nicht erwartet!

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