Frauen in der Fantasy 5: Lonesome CowGirl

Jeder kennt ihn: den einsamen Wolf, der allein durch die Welt zieht, Frauen und Kinder rettet, Königreiche befreit, und am Ende seines glorreichen Werks weiter zieht bis er auf das nächste Abenteuer trifft. Grundsätzlich ist dieser Charakter männlich. Ich kenne keine Geschichte, in der eine Frau dauerhaft ohne Wohnsitz herumstreift und am Ende immer noch glücklich mit dieser Lebensweise ist. Der Archetyp des einsamen Helden scheint eine typische Männerrolle zu sein. Was sind das für Persönlichkeiten, die da so allein durch die Welt streifen?


Während es also völlig in Ordnung zu sein scheint, einen Mann allein durch das Land streifen zu lassen, ohne Freunde, ohne Geld, meist mit nichts weiter als den Sachen, die am Leibe getragen werden, scheint es für eine Frau undenkbar, so einen Lebensstil zu führen. Meist ist der Held ein emotionales Wrack, rennt vor irgendeiner schlechten Erfahrung oder (Pseudo)-Trauma davon, oder befindet sich auf Most-Wanted-Listen verschiedener Länder. Er hat sich also mehr oder weniger freiwillig in die Einsamkeit begeben, immer auf der Flucht vor irgendetwas. Dies hält den Helden aber nicht davon ab, in jedem Dorf und jeder Stadt eine Reihe von Frauen zu verführen, um sie dann mit gebrochenem Herzen zurückzulassen. 

Die großen Fünf


Ich hab mir mal angeschaut, was für eine Persönlichkeit so ein Mensch haben müsste. Dabei habe ich mich an den Big Five der Psychologie orientiert.  Das Fünf-Faktoren-Modell entstammt der Persönlichkeitspsychologie und beinhalten eben fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit:  Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus.

Offenheit (für Erfahrungen) misst das Interesse und das Ausmaß der Beschäftigung mit neuen Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken. Eine Person mit einer schwachen Ausprägung in diesem Faktor neigt zu konventionellem Verhalten und konservativen Ansichten. Sie sind eher vorsichtig und ziehen Bekanntes und Bewährtes dem Neuen vor. Personen die dagegen eine hohe Ausprägung aufweisen haben häufig ein reges Fantasieleben. Sie sind an vielen persönlichen und öffentlichen Vorgängen interessiert und beschreiben sich selbst als wissbegierig, intellektuell, fantasievoll, experimentierfreudig und künstlerisch interessiert. Solche Personen hinterfragen bestehende Normen kritisch und sind eher bereit sich auf neue ethische, soziale und politische Weltvorstellungen einzulassen. (Myers, 2008)
Gewissenhaftigkeit beschreibt den Grad an Selbstkontrolle, Genauigkeit und Zielstrebigkeit einer Person. Menschen mit einer niedrigen Ausprägung handeln oft unbekümmert und nachlässig. Sie sind nicht genügend sorgfältig und unordentlich. Dagegen sind Personen mit einer hohen Ausprägung in diesem Faktor sehr gut organisiert, handeln planend, effektiv und zeigen sich verantwortlich und zuverlässig. (Myers, 2008)
Im Faktor Extraversion wird die Aktivität und das zwischenmenschliche Verhalten gemessen. Personen mit einer niedrigen Ausprägung handeln eher zurückhaltend bei sozialen Interaktionen und sind gern für sich allein. Sie können zwar auch sehr aktiv sein, dafür aber eher unabhängig in weniger Gesellschaft. Dagegen sind Personen mit hohen Messwerten sehr aktiv und gesprächig. Sie sind personenorientiert und werden oft als herzlich, optimistisch und heiter beschrieben. Sie sind sehr empfänglich für Anregungen und Aufregungen, weshalb dieser Faktor auch teilweise Begeisterungsfähigkeit genannt wird. (Myers, 2008)
Verträglichkeit beschreibt das interpersonelle Verhalten. Personen mit niedrigen Werten neigen dazu, streitbar zu sein und werden häufig als egozentrisch beschrieben. Sie sind oft misstrauisch und antagonistisch gegenüber den Absichten anderen Menschen. In der Berufswelt verhalten sie sich oft unkooperativ und neigen zur hoher Wettbewerbsorientierung. Personen mit einer hohen Ausprägung begegnen anderen Menschen mit viel Verständnis und Wohlwollen. Sie sind bemüht, anderen zu helfen und sind davon überzeugt, dass andere Menschen ebenso hilfsbereit sind wie sie selbst. Sie vertrauen schnell und geben schnell nach. In der Berufswelt verhalten sie sich hoch kooperativ. Dieser Faktor wird sehr kritisch gesehen, da es in manchen Situationen erforderlich ist, für die eigenen Interessen zu kämpfen, anstatt auf andere Rücksicht zu nehmen. So zum Beispiel kann eine hohe Verträglichkeit im Gerichtssaal und unerwünschten Nebenwirkungen führen. (Myers, 2008)

Der Faktor Neurotizismus spiegelt die individuellen Unterschiede im Erleben negativer Emotionen wider. Von einigen Wissenschaftlern wird dieser Faktor auch als emotionale Labilität bezeichnet. Personen mit einer niedrigen Ausprägung sind ruhig und ausgeglichen, zeigen sich zufrieden und entspannt. Sie erleben selten negative Gefühle. Personen mit einer hohen Ausprägung haben schnell und häufig Angst, zeigen sich nervös und angespannt. Sie sind schnell traurig, unsicher und verlegen. Diese negativen Emotionen bleiben bei ihnen eher länger bestehen, als bei Personen mit niedriger Ausprägung. Sie haben auch häufig unrealistische Ideen, machen sich ständig Sorgen um ihre Gesundheit und neigen dazu auf Stresssituationen unangemessen zu reagieren. Der Gegenpol ist die emotionale Stabilität, die Ich-Stärke. (Myers, 2008)

der unsympathische Held

Wenn ich mir die einsamen Helden so anschaue, dann kann ich folgendes vermuten: 
Der Held hat eine geringe Ausprägung an Offenheit für neue Erfahrungen. Die Abenteuer, in die er reinrutscht, nimmt er zwar hin, ist aber nicht sehr begeistert davon. Er hilft den Menschen gegen Geld oder weil er seine Ruhe haben will. Ständig ist er von Vorurteilen begleitet und auch, wenn er eines besseren belehrt wird, lernt er daraus nichts. Ebenso kann ich eine sehr niedrige Ausprägung an Gewissenhaftigkeit erkennen. Er zieht umher, kümmert sich um nichts außer sich selbst. Er lebt in den Tag hinein, nimmt was kommt und ist eigentlich ziemlich faul. Auch die Werte bei der Extraversion sind niedrig ausgeprägt. Er will am liebsten für sich sein. Wenn er mit anderen Menschen in Kontakt tritt, dann eher unfreiwillig, weil ihm die Kohle ausgegangen ist und er einen neuen Auftrag braucht oder sonst was. Außerdem ist der Held ein ziemlich unverträglicher Mensch. Die Belange anderer interessieren ihn wenig, Hauptsache, er bekommt, was er will. Er ist unkooperativ, zieht sein eigenes Ding durch und hilft anderen Menschen nur dann, wenn er etwas dafür bekommt (meistens Geld). Beim Neurotizismus bin ich mir allerdings nicht so recht sicher, aber ich glaube, dass hier eine hohe Ausprägung vorherrscht. Der Held lässt sich schnell reizen, neigt zu Jähzorn oder einer Scheiß-Egal-Stimmung. Ständig macht er sich Sorgen, allerdings nur um sich und um seinen Geldbeutel. Er ist übel nachtragend und rennt vor Problemen weg anstatt sie zu lösen. 

Alles in allem ist der Held extrem unsympathisch. Eine umfassende und eindeutigere Analyse würde natürlich ein Test mit dem Neo-FFI ergeben, aber der ist schon schlecht mit fiktiven Personen durchzuführen.

So kann doch nur ein Mann sein

Ganz ehrlich, diese Selbstdarstellung des einsamen Helden kann schon fast als männertypisch bezeichnet werden. Keine Frau würde mit diesem Verhalten durchkommen, geschweige denn, dass sich freiwillig Männer zu ihr ins Bett begeben würden. Dies ist auf der einen Seite verständlich, auf der anderen Seite ziemlich sexistisch. Denn während männliche Helden grundsätzlich als faszinierend beschrieben werden, die jede Frau ins Bett kriegen, jede Schlacht gewinnen und dabei trotzdem einfach Arschlöcher sind, geht das bei Frauen gar nicht. Wenn tatsächlich einmal eine Frau als einsame Heldin dargestellt wird, wird sofort eine psychische Störung vermutet, sie wird als unansehnlich oder gar hässlich beschrieben, als abstoßend bezeichnet und einfach als das dargestellt, was eine Person mit diesen Charakterausprägungen ist: unsympathisch. Also ich würde jedenfalls nicht gern mit so einer Person abends ein Bierchen kippen - egal ob männlich oder weiblich. Dennoch wird der Mann als Held gefeiert, auch wenn er ein Arsch ist.

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