Frauen in der Fantasy 1: Ein Grund zu kämpfen


A girl should be two things..
Wenn Männer, die Rache üben, Helden sind, warum sind dann Frauen, die Rache üben, verbitterte Hexen?

In ihrem Buch "The Geek Feminist Revolution" stellt die Autorin Kameron Hurley fest, dass die Gründe, warum eine ProtagonistIn in den "Kampf" zieht, vom Geschlecht abhängt. Während sich Männer auf ein Abenteuer begeben, in den Kampf ziehen, Rache üben etc. weil sie jemanden beschützen wollen, ziehen Frauen los, weil ihnen selbst etwas angetan wurde. Ich habe diesen Aspekt einmal näher untersucht und dabei geschaut, wie sich dabei die deutsche Fantasy aufstellt.


Auf in den Kampf!


Männer kämpfen, um ihre Frauen und Kinder zu schützen. Sie rächen sich, weil ihren Frauen oder ihrer Familie etwas angetan wurde. Sie suchen Mörder und Vergewaltiger, weil die ihnen ins Revier gepinkelt haben. Sie verfolgen eigene Ziele, zeitweise setzen diese eine hohe moralische Flexibilität voraus, und tun alles, um sie zu verwirklichen. Sie werden zu Helden, weil sie die Welt retten, weil sie ihre Ziele erreichen, weil sie Heim und Herd beschützen.

Frauen kämpfen, um sich selbst vor einem bösen Mann zu schützen. Sie rächen sich für etwas, dass ihnen selbst persönlich angetan wurde. Sie begeben sich auf die Suche nach Mördern und Vergewaltigern, weil ihnen als Kind selbst etwas Schreckliches angetan wurde. Sie haben keine wirklichen eigenen Ziele, sondern orientieren sich an denen des männlichen Protagonisten. Und wenn, dann sind diese Ziele der Frauen von hoher moralischer Güte, es geht um Kinder, es geht um Gerechtigkeit, zuweilen ist das Ziel der Frau, ein ruhiges Leben mit einem Mann und ihren Kindern zu führen und dafür muss eben ein Abenteuer bestanden werden. Am Ende werden sie nicht zu Heldinnen, sondern zu verbitterten Hexen, Hausfrauen oder eben Bräuten.

Ist das tatsächlich so? Ich muss zugeben, dass ich kaum ein Buch kenne, das diesen Klischees nicht entspricht. Und gerade in der Fantasy werden Frauen selten zu Heldinnen. Der Protagonist ist eh meistens männlich, weil die Heldenrolle doch besser zu einem Mann passt als zu einer Frau - heißt ja auch DER HELD. Wenn Frauen in der Fantasy auftauchen, stellen sie meist die Unterstützung des Helden dar. Sie stellen sicher, dass der Held auch wirklich an sein Ziel kommt. Aber sie selbst werden nicht zu Heldinnen. Nicht zuletzt werden sie in die Opferrolle gedrängt - der Held muss sie retten oder beschützen.


Wer suchet, der findet - oder eben nicht

Spontan ist mir wirklich kein einziges phantastisches Buch eingefallen, das diese Rollenverteilung aufhebt. Erst, nachdem ich lange gesucht habe - in meinen Bücherregalen und auf Amazon - ist mir nur noch Game of Thrones eingefallen. Ich habe die Bücher gelesen, nicht die Serie geschaut, und weiß, dass es dazwischen gravierende Unterschiede gibt. Aber Fakt ist, dass es dort tatsächlich Frauenrollen gibt, die den Klischees widersprechen.

In der deutschen Fantasy sieht es kaum anders aus. Mal abgesehen davon, dass die deutsche Phantastik eh ziemlich schmalbrüstig aufgestellt ist, finde ich im Mainstream nichts passendes. Mir fällt nach langer Suche Feuerjäger von Susanne Pavlovic ein. Die Protagonistin Krona ist eine Kriegerin, die ein Mann sein könnte. Das ist super! Darüber hinaus scheint es jedoch ziemlich dünn. Auch bei den Selfpublishern scheinen die Romantasy-Geschichten mit austauschbaren Charakteren zu überwiegen (Quelle: SelfpublisherVerband). In einigen Kleinverlagen lassen sich dann doch noch einige Exemplare finden, die nicht ganz alltäglich scheinen. So gibt es zum Beispiel in mehren Anthologien Kurzgeschichten, die durchaus vielversprechend und klischeebefreit sind, zum Beispiel die Damen der Geschichte aus dem Art Skript Phantastik Verlag oder Heimchen am Schwert aus dem Ohne Ohren Verlag. Bei der genaueren Recherche ist auch festzustellen, dass viele Kleinverlage offenbar sehr genau auswählen, welche Art Story sie bei sich aufnehmen. So finden sich recht wenig Standard-Romantasy-Geschichten in den Verlagsprogrammen - es sei denn, sie haben sich darauf spezialisiert (z.B. Drachenmond Verlag).


Grundlos Glücklich

Mein Enthusiasmus, Fantasy zu lesen, gerät enorm ins Schwanken, wenn ich mir die gehypten (Jugend)Bücher in diesem Genre so anschaue. Die Mädels sind einzig und allein dafür da, sich für die Ziele ihres Angebeteten einzusetzen und ihre größte Herausforderung besteht darin, sich zwischen zwei (oder mehr) Kerlen zu entscheiden. Einen Grund haben die meisten Protagonistinnen in solchen Geschichten nicht wirklich. Sie sind eben da und müssen mitgeschleift werden. Oder sie gehen mit, damit sie ihrem Angebeteten nahe sind. Dabei stellen sie sich oft so doof an, dass man als Leser das große Fremdschämen kriegt. Das solche Geschichten meist auch noch von Frauen geschrieben werden, schockiert mich zutiefst. Ich muss zugeben, dass ich in letzter Zeit sehr wenig Fantasy gelesen habe. Mittlerweile scheue ich mich direkt davor, weil ich jedes Mal befürchte in eine verkappte Cinderella-BadBoy-Millionärs-Story mit fantastischen Elementen zu geraten. Ich hab auch immer die Befürchtung, dass die Mädels, die sowas lesen, dann wirklich glauben, sie werden zu Heldinnen, wenn sie sich nur schön im Hintergrund halten und den Kerl genügend anhimmeln.

Ein männlicher Held braucht oftmals nicht mal einen Grund, um in ein Abenteuer zu geraten. Wie viele Geschichten gibt es, wo ein Kerl "rein zufällig" in eine spektakuläre Story hineinstolpert, sich entwickelt und am Ende zum Helden wird. Sowas geht auch mit Frauen. Auch Frauen können Söldner sein und für Geld ein Abenteuer bestehen. Auch Frauen können durch die Gegend wandern, auf der Suche nach ... was weiß ich ... und sich plötzlich einem Abenteuer wiederfinden. Frauen haben die gleichen Ziele und Wünsche wie Männer, und damit haben sie auch die gleichen Gründe, zu kämpfen. Dementsprechend könnten auch Männer losziehen, um Rache zu üben, für Dinge, die man ihnen persönlich angetan hat - also wirklich ihnen persönlich, nicht nur dabei zuschauen, wie es einer geliebten Person geschieht und dann ein Trauma entwickeln, sondern tatsächlich ihnen selbst.
Ist das denn so unvorstellbar, dass einem Mann genau das gleiche widerfahren könnte wie einer Frau? Und ist es so abwegig, dass sich Frauen für ein Abenteuer entscheiden, eben einfach aus dem Grund, weil sie abenteuerlustig sind? Und sich hinterher, nachdem das Abenteuer bestanden ist, nicht nach einem lauschigen Plätzchen am Herd sehen, sondern nach MEHR Abenteuer? Und warum werden Männer als Helden gefeiert, wenn sie sich gerächt haben, während Frauen nach der Rache als verbitterte Hexen dargestellt werden?

Die Gründe, warum jemand Teil eines Abenteuers wird, können so vielfältig sein. Als AutorIn hat man freie Wahl und braucht sich nicht auf die üblichen Klischees und Standards zu stützen. Ich dichte mal jeder AutorIn genügend Fantasie an, diese Aufgabe zu bewerkstelligen. So schwer sollte das ja nun nicht sein. Man bräuchte theoretisch seinem männlichen Helden einfach nur einen weiblichen Vornamen zu geben und ihn damit zur Frau machen. Einen anderen Unterschied zwischen den Geschlechtern sollte es nicht geben. Und erst recht nicht in der Fantasy.

Habt ihr Bücher, die ihr empfehlen könnt? Dann her damit in den Kommentaren!



Quellen:
Verlag Ohne Ohren
Art Skript Phantastik Verlag
Selfpublisher Verband
Susanne Pavlovic
Phantastik Couch
weitere Kleinverlage

Kommentare

  1. Toller Beitrag, der vieles benennt, was mich immer mehr stört. Wenn mal eine Frau aus "weiblichen Motiven" handelt, wäre das für mich okay, aber es ist leider so, dass das wirklich ziemlich strikt nach Geschlechtern getrennt wird.

    Mir gefallen die Bücher von Brandon Sanderson in der Hinsicht ganz gut, speziell Vin aus Mistborn-Reihe und Megan aus der Steelheart-Reihe. Bin aber generell ein großer Fan von Brandon Sanderson :)

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