Anja fragt: Christina, kritischste Betaleserin wo gibt

Momentan habe ich wenig Zeit zum Lesen und kann deshalb auch keine Rezensionen schreiben. Aus diesem Grund frage ich andere Leute, die lesen und anderweitig mit Büchern zu tun haben. Meine ersten Fragen durfte ich Christina stellen. Sie ist seit Jahren Betaleserin und dabei oft erste Anlaufstelle für Indie-Autoren und Kleinverlage. Als "Grammatik-Fetischistin" kontrolliert sie Manuskripte, findet Logikfehler und Plotlöcher. Das macht eine Menge Arbeit. Außerdem hat sie einen Bücherblog, auf dem sie in unregelmäßigen Abständen Bücher vorstellt und auch mal zerreißt. In meinem Interview darf sie ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern - achja, sie hat auch eine Nähmaschine, mit der sie echt tolle Taschen zu Stande bringt.




Das ist Christina :D
Christina… Du bist (professionelle) Betaleserin. Was genau heißt das und was machst du dabei?

Ob ich professionell bin oder nicht, lasse ich mal unbeantwortet. (Bin ich nicht!!) Im Grunde genommen ist es ziemlich simpel: Man bekommt das Manuskript eines Autoren vor der Veröffentlichung, manchmal nach dem Korrektorat, meistens vorher. Dann liest man das Buch durch, sucht Logikfehler (ich als alter Grammar-Nazi merke auch alle orthographischen Fehler an), prüft die Lesbarkeit, eventuell auch Logikfehler in Bezug auf vorangegangene Teile einer Reihe (z. B. war Charakter XY in Teil eins 25 Jahre alt. Teil zwei spielt 5 Jahre später, XY ist hier aber auf einmal 33 Jahre alt. Oder nur 27.) Dann gibt man dem Autoren Feedback, ob und wie einem das Buch gefallen hat, was gut war, was vielleicht nicht gut war, ob es Stellen/Szenen/Eigenheiten gibt, die einem außenstehenden Leser unklar sind. Der Autor weiß ja viel mehr über seine Geschichte, als er dem Leser mitteilt und dann kann es passieren, dass er etwas nicht erklärt, weil es für ihn absolut logisch ist, der Leser selbst aber steht wie der Ochs vorm Berg und versteht kein Wort. Zusammengefasst ist man also ein kostenloser Lektor/Korrektor. Natürlich bei weitem nicht so perfekt wie ein Profi, aber wenn man viele Augen und viel Wissen von mehreren Betalesern zusammenfasst, kommt doch schon was Ordentliches bei rum.


Du hast sehr viel Erfahrung als Betaleserin, weil du das schon sehr lange machst. Du hast ja auch schon für den Verlag Bookshouse betagelesen. Wie kommt man an dich oder andere Betaleser heran?

Es gibt u.a. auf Facebook eine Menge Gruppen, in denen Autoren Betaleser suchen können, was hauptsächlich unbekannte und unveröffentlichte Autoren nutzen. Die haben noch keine große Fangemeinde (neudeutsch: Fanbase), daher suchen sie da Leute. Bekannte Autoren haben es da einfacher, die posten einen „Ich suche ein Team von Leser/innen, die mir regelmäßig bei neuen Veröffentlichungen helfen wollen“ und dann melden sich in zwei Stunden knapp 300 Leute und die Autoren suchen sich ihre liebsten Leser aus.
Bei Bookshouse läuft es so, dass man einen Text voller Fehler probelesen muss und wenn man die meisten Fehler findet, dann wird man quasi aufgenommen. Dann gibt es ein Forum, in dem die neuen Bücher vorgestellt werden und wer gerade Zeit hat und sich für das Buch interessiert, meldet sich direkt dort im Forum.


Du hast mein Buch „A Fairy Tale“ auch betagelesen und mir dabei sehr geholfen. Ich bin mit deinen Anmerkungen sehr gut zurechtgekommen. Aber du hast mir auch erzählt, dass du einen bestimmten Ruf in der Gemeinde hast. :D

Äh, ja. Ich bin ein sehr direkter Mensch. Auch im „echten Leben“. Wenn ich was doof finde, sag ich das. Nicht durch die Blume. Sondern: Das ist doof. Außerdem bin ich nicht sehr geduldig. Ich gebe mir wirklich Mühe, meine Kritik (übrigens ist Kritik sowohl positive als auch negative Rückmeldung (Duden.de sagt dazu: "[fachmännisch] prüfende Beurteilung und deren Äußerung in entsprechenden Worten") freundlich zu verpacken, aber manche Texte sind wirklich merkwürdig. Jeder, der schreibt, steckt viel Arbeit in seinen Text, aber einige Leute haben da kein Talent zu. Natürlich möchte jeder gern hören, dass das geschriebene Buch „ach so wundervoll“ ist, aber manche Texte sind einfach nichts. Und ich sag's dann halt. Du hast also Glück gehabt. Außerdem kennst du mich seit Jahren und das auch noch „in echt“ und weißt mich und meine Äußerungen daher auch zu nehmen.


So sah Christinas erste Bearbeitung meines Manuskripts aus... 


Die Autoren sind in der Regel also gar nicht immer dankbar für deine Hilfe? Hast du dich auch schon mal über einen Autor geärgert, weil er deine Arbeit nicht zu schätzen wusste?

Ja, auch das habe ich. Erst Ende letzten Jahres zum Beispiel. Da habe ich ein Buch gelesen, das war okay. Es war nicht der supi-dupi Bestseller, aber auch nicht mies. Okay halt. Und es kann auch durchaus sein, dass meine Kommentare zum Ende hin etwas schroffer wurden, aber diese Autorin hat mich wahnsinnig gemacht. Anmerkungen wurden gar nicht umgesetzt, selbst, wenn man Fehler anhand Duden.de erklärt hat, wurden sie in Zukunft weiterhin gemacht. Dann wurden etliche Kapitel auf einmal geschickt und nach 2 Wochen wird eine Erinnerung geschrieben (hallo? Vollzeitjob und Privatleben??). Am Ende sollten wir einen Feedback-Bogen ausfüllen. Was hat uns gefallen, was hat uns nicht gefallen, woran lag's, etc. pp. Eine Frage war: Wenn du ein Printexemplar haben möchtest, trage bitte deine Adresse ein. Habe ich getan, ich finde, ein Buch im Wert von 15 Euro ist kein zu hoher Lohn für monatelange Arbeit. Da ich aber vorher auf die Frage „Wie hat dir das Buch gefallen?“ nur mit „war okay“ geantwortet habe, wurde Frau Autorin patzig und schrieb mir dann eine Mail, wieso ich denn das Taschenbuch haben wollen würde, wenn mir das Buch nicht gefiele. Entschuldigung? Ich hatte eine Menge Arbeit mit deinem Buch und fand es nicht schlecht. Ich fand es halt leider nicht supermegageil, aber kein Buch der Welt kann ALLE Leser glücklich machen. Wer damit nicht umgehen kann, sollte sein Buch zuhause in der Schublade lassen. Es kam dann noch eine Mail an alle Testleser, dass sie jedem ein Buch zuschickt, Taschenbuch an die mit Adresse und E-Book an die ohne Adresse und dass die Bücher „in der nächsten Woche“ verschickt werden. Das war im November. Mein Exemplar kam bis heute nicht an.


Was erwartest du von den Autoren? Was können sie dir Gutes tun? Worüber freust du dich?

Ich freue mich, wenn sie mir eine unformatierte Text-Datei zukommen lassen. Kein .pdf, kein .epub. Word, OpenOffice, mir total wurscht. Aber ich finde es super, wenn ich beim Lesen direkt Kommata setzen und streichen kann, Tippfehler ausbessere, Kommentare setzen. Oh, ich liebe die Kommentarfunktion. Und der Autor kann alles nachvollziehen, was ich ändere. Jedes Komma, das ich streiche, wird dem Autoren als durchgestrichen angezeigt. Alles, was ich ergänze, ist farblich hervorgehoben. Durch einen einzigen Klick kann er das auch alles verschwinden lassen, wenn er nicht meine Meinung teilt.
Und wenn die Autoren die F7-Taste schon mal gedrückt haben, bevor sie das Buch lustig durchs Netz schicken, ist das auch super. Die Rechtschreibprüfung findet nicht jeden Fehler, aber sie findet schon eine ganze Menge. (Anja, kannst du hier mal F7 für mich drücken, mein Open Office spricht nur Englisch.)


Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob der Betaleser VOR dem Lektor eingesetzt wird oder erst NACHDEM der Lektor den Text bearbeitet hat. Wie arbeitest du am Liebsten?

Ich glaube nicht, dass ich schon jemals einen Text NACH dem Lektorat hatte. Ich fände ein Korrektorat viel wichtiger. Der Lektor prüft ja nur inhaltlich. Ändert hier und da ein Wort, streicht einen Satz, findet Logikfehler. Mich stören die ganzen Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler viel, viel mehr. Aber nach Lektorat und Korrektorat braucht es auch keine Betaleser mehr.


Du bist letztes Jahr Herbst nach England gezogen und hast begonnen, Geschichten ins Deutsche zu übersetzen. Hast du vor, das auszubauen? Dürfen wir dich demnächst mit Übersetzungen belästigen?

Nein. Definitiv nicht. Ich finde Korrekturlesen total toll, bin halt ein Grammar Nazi, aber übersetzen fällt mir wirklich schwer. Ich habe zum Beispiel ein paar Seiten einer Fantasygeschichte übersetzt und die Autorin hat einen sehr blumigen Sprachstil, der zwar zum Buch passt, aber ich bin halt überhaupt nicht blumig und da hatte ich echt Probleme, passende deutsche Wörter zu finden. Man will ja dem Text nicht seine Seele nehmen, also muss man so übersetzen, wie es da steht. Nicht meins.


Du liest unheimlich viel (meiner Meinung nach). Hast du eine/n Lieblingsautor/in? In welchem Genre fühlst du dich am ehesten zu Hause? 

Im deutschen Bloggerranking liege ich wohl ziemlich weit hinten. Wenn ich da sehe, dass einige über 200 Bücher im Jahr lesen, frag ich mich, ob die keinen Job, keine Familie und keine anderen Hobbys haben. Ich lese so zwischen 60 und 80 Bücher im Jahr. (Anm.Anja: Ich schaffe 30 Bücher im Jahr -.-) Ich muss nicht jeden Tag lesen, um zu überleben. Manchmal lese ich tagelang gar nicht. Gerade jetzt, in dem neuen Job, in dem ich 11-Stunden-Schichten habe, habe ich nach der Arbeit einfach keinen Bock mehr. Früher habe ich in jeder Mittagspause gelesen, heute renne ich durch die Stadt, um Essen zu besorgen, da der Arbeitstag einfach so lang ist, dass ich mich mit Brot und Gemüse nicht über Wasser halten kann.
Ich bin ein ziemlich beschränkter Leser. Ich lese eigentlich nur Schnulzen und Fantasy. Einen Lieblingsautoren habe ich nicht. Es gibt viele Autoren, die ich sehr mag und gerne lese: Anja Stephan (schleimen kann ich!), Hannah Siebern, Nora Roberts (die ich gerade lese), Charlaine Harris, Susan Elizabeth Phillips, Kerstin Gier. Viele Frauen, merke ich gerade. Ich schaue gerade meine bisher in diesem Jahr gelesenen Bücher an (23!) und siehe da: alles Frauen.


Ich lese immer deinen Buchblog. Auf dem hast du schon ab und an mal ein Buch zerrissen und wurdest dafür böse beschimpft. Ich mag deine direkte Art, aber die scheint nicht jedem zu gefallen. Einmal hast du sogar einen Shitstorm ausgelöst. Wie war das für dich?

Ganz ehrlich? Total lustig. Ich kann verstehen, dass ein Autor eine schlechte Rezension nicht gut findet, aber wieso andere Leser ausfallend werden? Ich glaube, du meinst das Buch mit den Drachen? Das, wo ich anhand von Textstellen erläutert habe, was mir nicht gefiel und was doof war (Das war doof!)? Solange man sachlich bleibt, finde ich an einer negativen Kritik nichts Schlimmes. Ich lese auch total gern die 1- und 2-Sterne-Rezensionen bei Amazon oder Goodreads. Die sind viel lustiger als die ständigen 5-Sterne-ohhhhhhh-ich-habe-es-geliebt-es-war-einfach-perfekt-Rezensionen. Die mit weniger Sternen sind meist begründet, was einem Autor ja auch helfen kann, sich selbst zu verbessern. Wenn schon nicht in diesem Buch, dann zumindest fürs nächste.
Meist kommen solche Schimpftiraden von Leuten, die das Buch abgöttisch lieben. Ich greife sie doch auch nicht an und nenne sie dumm, weil sie ein derart schlechtes Buch mögen. Man muss auch mal andere Meinungen gelten lassen. Es sei denn, es sind tatsächlich Fakten. Aber Geschmäcker sind verschieden und das ist gut so!


Ich habe diese Erfahrung auch machen müssen und ich kenne einige Blogger, die das selbst auch schon erlebt haben. Es ist doch jedes Mal eine böse Überraschung, weil man doch einfach nur seine Meinung zu einem Buch äußert. Muss man sich als Buchblogger vor so einer öffentlichen Anfeindung fürchten oder sich einfach ein dickes Fell zulegen? Wie reagiert man am besten in so einer Situation?

Solange ich meine Kritik begründen kann, prallt das an mir ab. Wenn mir jemand sagt „da warst du zu harsch, weil du den Autor beleidigt hast“ und ich es wirklich getan habe, nehme ich mir die Kritik an und ändere meinen Text ab. Aber wenn es sachlich begründete, negative Kritik ist, dann stehe ich dazu. Ich glaube, am besten ist es, wenn man solche Leute ignoriert und nicht ständig Öl ins Feuer gießt. Leben und leben lassen.


Du hast mir auch mal gesagt, dass du ungern Rezensionsexemplare annimmst. Warum nicht? Viele Blogger sind doch gerade hinter solchen Geschenken her. Ist das für dich eine Frage der Ehre?

Ich habe in meiner bisherigen Bloggerkarriere (es gibt mich seit Dezember 2011, also schon über 5 Jahre) erst ein einziges Mal ein Buch angefragt. Und zwar den LYX-Verlag. Ich habe mich so mies dabei gefühlt. Wie ein Schmarotzer. Am liebsten hätte ich in die Mail geschrieben: „Wenn ihr mir das Buch nicht schicken wollt, macht es nichts, dann kaufe ich es.“ Das hätte dann den Sinn dieser E-Mail zerstört und na ja. Es war etwas anderes, wenn ein Autor auf mich zukam und fragte, ob ich sein Buch lesen wollte. Das erste Mal, als ich eine solche Anfrage erhalten habe, habe ich mich so gefreut. Es war für mich beinahe wie eine Ordensverleihung. „Du und dein Blog, ihr seid so wichtig, dass ich, der Autor, deine Meinung hören will.“ Ich war sooooooo unfassbar stolz. Doch irgendwann wurde es mir lästig. Wenn du ein Rezensionsexemplar hast, musst du es zeitnah lesen und rezensieren. Aber zu manchen Büchern habe ich einfach nichts zu sagen. Ich mochte sie mal mehr, mal weniger, aber mir fiel einfach nichts ein, was ich schreiben konnte, ohne, dass es abgedroschen klang. Und manchmal findet man ein Buch wirklich interessant, aber man ist gerade nicht in der Stimmung dafür. Manchmal brauche ich Schnulz und Liebe und manchmal könnte ich kotzen, wenn ich so ein Buch habe. Dann lege ich es an die Seite und lese was anderes. Beim ReziEx (wie wir im Fachjargon sagen. Na ja, eigentlich sind wir nur schreibfaul) hast du die Wahl nicht. Dann kommen auch hier regelmäßig Erinnerungsmails. Das alles hat mich so gestresst. Ich habe auch gemerkt, dass ich beim Lesen gar nicht mehr wirklich abschalten kann, sondern die ganze Zeit überlege, was ich in der Rezension schreiben könnte, welches Zitat gut passt, usw. Jetzt schreibe ich eher selten eine Rezension, dann aber eine, die wirklich von Herzen kommt. Egal, ob 1 Stern oder 5.

Dass andere Blogger so gierig sind, kann ich überhaupt nicht verstehen. Schlimm sind Aussagen wie „ich habe mir nur für die gratis Bücher einen Blog angelegt“ oder „Verlag ABC ist voll schei*e, die haben mir ne Absage geschickt, also von denen lese ich nie wieder was.“ Oder auch „ich habe diese Woche 8 Rezensionsexemplare erhalten, voll cool“. Wann liest du die denn? Kann man da noch jedem Buch gerecht werden? Klar, Bücher sind teuer und als Schüler, Student, Arbeitsloser, was auch immer kann man sich vielleicht auch keine zig Bücher im Monat kaufen, aber es gibt Bibliotheken, reBuy, medimops, soziale Kaufhäuser, diverse Bücherverkaufsgruppen im Internet. Auch gebrauchte Bücher kann man lesen. Oder leihen und lesen. Jedes andere Hobby kostet auch Geld (wir beide nähen ja auch gern. Ich heute noch meine (supermegageile) Tasche. Nähmaschine: 480 Euro. Stoff innen: 23 Pfund. Kunstleder außen: 8 Euro. Reißverschluss, Garn, Karabiner, D-Ringe: 10 Euro. Arbeit: 2 Tage). Hobbys sind teuer. Geh mal reiten. Allein deine Bekleidung kostet dich 100 Euro aufwärts. Reithose, Reitkappe, Handschuhe, Stiefel. Dann noch ein Pferd, bzw. eine Mitgliedschaft im Reitverein. Die ist monatlich übrigens teurer als der Jahresbeitrag bei den Pfadfindern. Aber Lesen muss kostenlos sein? Also überall betteln und schmarotzern? Ich kann damit nicht leben. Wenn andere das können, gern.

Christinas supermegageile Tasche


Vielen Dank für das nette Gespräch. :D

Ja, danke auch. Ich glaube, ich war ein bisschen zu ausschweifend, oder?
Macht nix. 

Ich habe gar kein richtiges Nähkästchen.
Macht auch nix. ... Moment ... WHAT?!





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