Anja liest: Robert J. Sternberg - Warum der Gärtner nie auf die Prinzessin hereinfällt

Robert J. Sternberg ist eine bekannte Größe in der Psychologie. Er war Professor der Psychologie und Direktor des Center for the Psychology of Abilities, Competencies, and Expertise“ in Boston, außerdem war er Präsident der American Psychological Association. Sternberg forscht auf dem Gebiet der Liebe und hat mehrere Bücher zu psychologischen Theorien darüber verfasst (New Psychology of Love, z.B.). Zu seinen bekanntesten Theorien gehört die "Dreieckstheorie der Liebe", die Liebe als Ausprägung der drei Komponenten IntimitätLeidenschaft und Bindung darstellt.

Bei dem Buch "Warum der Gärtner nie auf die Prinzessin hereinfällt - Das verborgene Drehbuch unserer Beziehungen", handelt es sich um ein eher populärwissenschaftliches Buch, in dem der normalsterblichen Bevölkerung erklärt wird, warum ihre Beziehungen ständig scheitern. Anders als gewöhnliche Beziehungsratgeber, geht Sternberg aber einen gänzlich anderen Weg.

Sternberg geht davon aus, dass jeder Mensch einer "Liebesgeschichte" anhängt, dass heißt, man hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie eine funktionierende Beziehung für einen persönlich auszusehen hat. Diese Vorstellungen werden durch viele Faktoren und Einflüsse geprägt, z.B. durch bereits erlebte Beziehungen, durch Filme, Musik und Kunst, durch die Eltern und Freunde; man wird quasi durch seine Umwelt beeinflusst. Trifft man auf einen Menschen, der der gleichen Liebesgeschichte anhängt, wie man selbst, hat die Beziehung gute Chancen erfolgreich zu werden. Ist dies nicht so...naja...

Wer hat sich denn noch nicht gefragt, warum sich das perfekte Paar aus dem Freundeskreis trennt, während zwei Streithähne, trotz mehrfachen Anratens einer Scheidung, glücklich und zufrieden verheiratet bleiben? Nach Sternbergs Theorie haben die beiden Streithähne offenbar genau die gleiche Vorstellung davon, wie eine Liebesbeziehung aussehen soll: wie ein Schlachtfeld. 

Mit seinem Team entwickelte er verschiedene Geschichts-Typen und Geschichten.

Asymmetrische Geschichten:
In asymmetrischen Geschichten ist die Grundlage einer funktionierenden Partnerschaft ein Ungleichgewicht zwischen den Partnern, z. B. Lehrer-Schüler. Es dominieren Machtfragen und Kontrolle. Es gibt sogar Geschichten, in denen ein Partner dem anderen Angst und Schrecken (Horrorkabinett) einjagt. Für manchen unverständlich, für andere die Grundlage des Glücks.
 - Lehrer und Schüler - Ein Partner opfert sich - Regierungssysteme - Unter polizeilicher Aufsicht - Im Bann der Pornographie - Das Horrorkabinett - 

Objektgeschichten:
In diesen Geschichten wird der Partner in einer Beziehung nicht um seiner selbstwillen geschätzt, sondern wegen ihrer Rolle / Funktion, die sie ausfüllen. Der Partner wird wegen seines "Sonderbaren Charakters oder Verhaltens" geschätzt, oder er erfüllt die Funktion "die Sammlung zu vervollständigen". Zum Beispiel wird ein Partner allein wegen seines äußeren Erscheinungsbildes ausgewählt (Kunstwerk) oder aber eine Beziehung wird nur eingegangen, um überhaupt einen Partner vorweisen zu können, damit der vorherrschende Lebensstil oder Erwartungen der Gesellschaft erfüllt werden (Sammlung).
- Der Partner als Objekt - Außerirdische und Erdbewohner - Die Sammlung - Das Kunstwerk - Die Beziehung als Objekt - Das traute Heim - Die Heilung - Religion und Religionsersatz - Das Spiel

Koordinationsgeschichten:
In Koordinationsgeschichten geht es darum, die Liebe in einer Beziehung zu entfalten, zu entwickeln. Beide Partner arbeiten gemeinsam daran. Die Liebe kann zum Beispiel als "Reise" gesehen werden, mit oder ohne festgelegtem Ziel, oder als "Garten", der sorgsam gepflegt werden muss. Es gibt aber auch Beziehungen die auf der Vorstellung einer "Geschäftsbeziehung" basieren, in der beide Partner dafür verantwortlich sind, ein gesundes florierendes Unternehmen aufzubauen.
- Auf Reisen - Das Gewebe - Der Garten - Geschäftsleute - Sucht

Literarische Geschichten:
Wer Geschichten dieser Kategorie anhängt, glaubt an einen fiktiven oder realen Text, der als Vorlage dient und zeigt, wie eine Beziehung "richtig" verlaufen sollte. In der Geschichte um "Prinz und Prinzessin" wird der Partner als wahr gewordene Traumvorstellung gesehen, doch sobald die Oberfläche angekratzt ist, zeigt man sich entsetzt über den "wahren" Charakter des Partners. Handelt es sich um "Wissenschaftler", glauben die Partner, dass die Liebe, genau so wie andere Wissenschaften, analysiert und auseinander genommen werden kann. In der Geschichte um das "Kochbuch" gehen die Partner davon aus, dass es nur die richtigen Zutaten bedarf, um eine glückliche Beziehung zu führen.
- Prinz und Prinzessin - Geschichtsbewusstsein - Die Wissenschaftliche Analyse - Das Kochbuch - 

Genregeschichten:
In diesen Geschichten bestimmt ein fortlaufendes Merkmal die Beziehung. Zum Beispiel der "Kriegszustand", wo sich beide Partner einen ständigen Streit um jede noch zu kleine Kleinigkeit liefern. Treffen zwei "Schaupieler" aufeinander, kann es sein, dass die Beziehung wie eine inszenierte "Theateraufführung" ausschaut, aber offenbar fühlen sich beide damit wohl.
- Im Kriegszustand - Theaterspiel - Humoristen - Das Versteckspiel - 

Zu jedem Geschichtstyp werden zwei Beispiele aufgeführt, um dem Leser zu verdeutlichen, worum es in dieser Geschichte geht und was sie für einen Einfluss auf Partner und Beziehung hat.
Sternberg stützt seine Theorien auf verschiedene Tests, die er mit unterschiedlichen Probanden durchgeführt hat. 
In einem Versuch mit 60 Studenten, zur Hälfte männlich und weiblich, entdeckte er einen geschlechtspezifischen Hang zu bestimmten Geschichten. Bei den männlichen Probanden waren die Geschichten "Sammlung", "Kunstwerk" und "Pornographie" sehr beliebt, während bei den Frauen die "Reise" einen hohen Wert erreichte.
In einem weiteren Test mit 43 Paaren konnte wieder festgestellt werden, dass Männer eher als Frauen dazu neigen, ihre Partner als Objekte zu sehen (Kunstwerk, pornographisches Objekt) und sich gern als Nutznießer eines Opfers (das die Frau bringt) sehen. Die getesteten Paare hatten alle ein ähnliches Profil in ihren Geschichten, so dass man davon ausgehen kann, dass sie einigermaßen kompatibel miteinander waren.
In einer weiteren Paar-Studie, diesmal mit 55 Paaren, versuchte man die Geschichten auf zwei breite Kategorien festzulegen: ausgewogene und unausgewogene Machtverteilung. Beginnt man mit einer Beziehung, sollte man von Beginn an die Regeln für die Machtverteilung aufstellen, denn es ist viel schwerer im Nachhinein noch etwas daran zu ändern. 
Aus diesen Studien wurde geschlossen, dass das Konzept der "Liebe als Geschichte" eine Erklärung dafür liefern kann, warum manche Beziehungen andauern und manche scheitern. Auch Beziehungen, die von außen betrachtet unglücklich scheinen, können gut funktionieren, wenn die Geschichten der beiden Partner kompatibel miteinander sind und wie gut die Partner ihre Rollen in der jeweiligen Geschichte ausfüllen.


Natürlich gibt es keine Zauberformel für die perfekte Beziehung. Standardmäßige Ratgeber zur Verbesserung Beziehungen vergessen leider, dass sich Menschen unterscheiden und nicht für jeden das Konzept des "Kochbuches" in Frage kommt, wo man nur "dies" oder "das" zur Beziehung hinzufügen muss, damit alles super läuft. In diesem Buch, das ich nicht wirklich als Beziehungsratgeber sehe, wird die Liebe als Bestandteil einer Beziehung dargestellt, nicht als Allheilmittel. Die Liebe ist zwar ein wichtiger Teil dessen, was zum Erfolg führt, jedoch nicht nicht alles. Ich denke, es ist ein gutes Buch für Personen, die sich fragen, warum sie immer wieder an die gleiche Art Partner geraten, obwohl sie schon vorher wissen, dass die Beziehung wahrscheinlich wieder einmal scheitern wird. Das Buch gibt alternative Denkansätze, um herauszufinden, welcher Geschichte man selbst anhängt. Dann kann man auch verstehen, warum man so handelt, wie man es tut. Und wenn einem das nicht gefällt, ist man dann in der Lage etwas daran zu ändern. Zum Beispiel, wenn man immer wieder von Personen fasziniert ist, die einen zerstörerischen Charakter haben, man selbst aber immens darunter leidet. Es ist oftmals nicht leicht, alte Geschichten abzulegen, aber es ist einfacher, wenn man sich seiner Geschichte bewusst wird. Denn ist nur natürlich, dass sich Geschichten entwickeln und verändern. Das wird deutlich, wenn man überlegt, welcher Geschichten man mit 20 angehangen hat, und welche Geschichte heute zu einen passen. Das, was vor 10 Jahren als die perfekte Geschichte gegolten hat, kann heute eine Katastrophe sein.

Fazit: Wer die gleiche Macke hat, wie du, der passt auch zu dir.

Kommentare

  1. Oh, das ist sehr anschaulich!
    Ich denke, es ist ja nur logisch, dass man harmonierende Vorstellungen braucht, wie eine Beziehung funktionieren sollte. Wenn man auf ganz unterschiedliche Dinge Wert legt oder beispielsweise konträre Rollenerwartungen hat, kommt es ja fast zwangsläufig zu Konflikten.
    Die Bilder, die Sternberg gewählt hat, wirken ziemlich anschaulich in deiner Zusammenfassung. Cool!

    Nachdem ich den Post heute Morgen gelesen habe, hab ich darüber nachgedacht, was für Geschichten ich in meinem Umfeld so wahrnehme oder was ich so im Laufe der letzten Jahre bei mir selbst für Veränderungen wahrgenommen habe. Spannend!

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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    1. Ja, das ist schon interessant, was sich so im Umfeld abspielt.

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