Anja liest: keine Liebesromane

Ich bin dafür bekannt, dass ich Liebesromane grundsätzlich nicht lese. Von Zeit zu Zeit löse ich damit heftige Diskussionen aus und frage mich oft selbst: "Warum eigentlich nicht?" Ist es mir zu unrealistisch? Vielleicht bin ich einfach nicht romantisch? Oder aber ich bin eifersüchtig, weil ich selbst keinen Mann habe? Dabei mag ich Liebesgeschichten eigentlich recht gern. Nur nicht eben die Sorte, die beim Buchhändler im Bestsellerregal für Urlaubslektüre für Frauen steht. Aber warum nicht? Auf einer Lesung habe ich eine mögliche plausible Erklärung gefunden.




Letztes Wochenende war ich auf einer Lesung, auf der sich 10 Autoren mit ihren Büchern vorgestellt haben. Darunter waren viele Krimis, aber auch ein bestimmter Liebesroman, der mir endlich klar gemacht, warum ich an dieses Genre einfach nicht richtig rankomme.

In dem Roman ging es um eine Frau, die aufgrund eines BurnOut in Kur geschickt wird. Sie hat einen fiesen Freund, der sie ständig niedermacht. Während der Kur, in diesem Buch geht es eben darum, lernt sie dann einen Kurschatten kennen. Mehr Inhalt gab es nicht. Reichte auch völlig aus für mich, um schon zu wissen, dass dieses Buch definitiv nicht in meinem Regal stehen wird. In der Szene, die vorgelesen wurde, ging es darum, dass die Frau gerade gestärkt aus einer therapeutischen Sitzung kam, daraufhin jedoch von ihrem Freund am Telefon klein gemacht wurde und sich nun zum Trost mit einer Freundin in die nächstbeste Dorfkneipe zurückzieht. Dort werden Cocktails ausprobiert. Man meint ja, es würde ein Gelage unter Freundinnen geben, aber im Prinzip trinken sie nur einen einzigen Cocktail zusammen, dann erscheint der Besitzer der Bar und mixt ihnen ein pervers klingendes Getränk. Nach einigem hin und her ist die Freundin verschwunden, die Frau mit dem Mann allein und sie heult sich erstmal aus. Der Barbesitzer muntert sie auf. Erzählt ihr, wie schick er sie findet. Ihre Beine sind der Hammer und die Füße erst... Sie solle sich sexier anziehen, denn sie hätte ja so viel zu bieten. Und genau deshalb sollte sie sich von niemandem niedermachen lassen.

Da war er! Der Moment! Am liebsten hätte ich mich übergeben!

Nicht, dass der Mann versucht hätte, sie auf ihre mentalen Stärken hinzuweisen, auf die Erfolge, die sie in ihrem Leben erzielt hatte (immerhin hatte die Frau einen BurnOut, sodass ich mal davon ausgehe, dass sie zu viel und zu hart gearbeitet hat), nein, er beschränkt sich lediglich auf ihr Äußeres. Denn das scheint wohl das wichtigste zu sein: das eine Frau sexy ist. Intelligenz? Egal! Humor? Wurscht! Persönlichkeit? Ach, komm, geh weg! Da kann man das Charakterschwein vorm Herrn sein, aber wenn man heiße Beine hat, kommt man überall durch!

Was für eine sexistische Kackscheiße ist das denn? 

Ich habe mich sofort auf Recherche begeben und meinen Lieblingsbuchhandel aufgesucht. Dort habe ich mich vor das Regal mit den besagten Frauenromanen gestellt und musste erschreckendes feststellen. Beim durchlesen der Klappentexte und kurzen Inhalte entdeckte ich, dass sich so ziemlich alle Romane dieser Art um dieses Thema drehen.

Es kann doch wirklich nicht der Ernst der Autoren solcher und ähnlicher Geschichten sein, eine Frau derart zu reduzieren und dass auch noch in aller Öffentlichkeit - nämlich in einem Buch. Leute! Das liest vielleicht jemand, der das glaubt! Das lesen auch Frauen, die sich hinterher scheiße fühlen, weil sie keine heißen Beine haben und dann vielleicht glauben, sie kriegen aus diesem Grunde niemals einen Mann ab.
Und selbst dann, wenn es in den Romanen um starke Frauen geht, die Karriere machen, sehnen sich die Protagonistinnen grundsätzlich alle nach einem starken Mann, der ihnen zeigt, wie sie es richtig machen. Im Laufe der Geschichten geraten sie in schwierige Situationen und können ausschließlich von diesem einen Mann gerettet werden - und begeben sich dann willig in seine Arme, auf dass sie in Zukunft von ihm getragen werden. Denn das ist genau das, was alle Frauen wollen.

Und ganz schlimm ist das, wenn eine Frau für Frauen schreibt und dabei Rollenbilder bedient, die vor 70 Jahren von Männern eingeführt wurden. Da schämt man sich glatt fremd!

Wieso kann eine starke Frau nicht auch innerhalb einer Beziehung stark bleiben? Wieso gibt es kaum Bücher, wo der Mann nicht im Superheldenkostüm um die Ecke kommt und die heiße Braut aus dem Büro heiratet? Wieso gibt es keine Romane, in denen eine selbstbewusste Frau mit leichtem Übergewicht einen Mann aus einer misslichen Lage befreit. Nein. Solche Geschichten werden grundsätzlich als Komödien geschrieben oder der männliche Part ist ein Looser, weil ECHTEN Männern sowas natürlich nicht passiert.

Dabei gibt es in der Realität so viele Beispiele, deren man sich bedienen kann, um einen guten Liebesroman zu schreiben, ohne das man Geschlechter beleidigt. Wer hat denn keine alleinerziehende Freundin, die sich wie eine Löwin durch den Alltag mit Kindern und Arbeit kämpft? Oder eine politisch engagierte Frau, die sich für ein bestimmtes Thema stark macht, ohne dabei ins Lächerliche gezerrt zu werden? Es gibt so viele gute Beispiele von starken, intelligenten Frauen, die ihre Probleme selbst regeln und sich in der Welt behaupten können. Komischer Weise gibt es über solche Frauen kaum Liebesromane. Warum eigentlich nicht? Auch solche Frauen haben die Liebe ihres Lebens verdient! Nur machen sie sich nicht davon abhängig.

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