Anja liest: Jean-Paul Didierlaurent - Die Sehnsucht des Vorlesers

Dieses Buch habe ich bei einer Verlosung gewonnen. Ich nehme nicht oft an solchen Bücher-Verlosungen teil, daher war es reines Glück, dass ich auch noch dieses Buch erhalten habe. 

Vom Hocker gehauen hat es mich nicht. Dafür waren die Erwartungen doch zu hoch, wo es so großartig angekündigt wurde. Aber für Zwischendurch war es doch ganz kurzweilig.


In diesem Buch wird die Geschichte von Guylain erzählt. Er arbeitet in einer Papier-Recycling-Fabrik als Maschinenführer und muss jeden Tag mit ansehen wie tausende Bücher in die Höllenmaschine gestopft werden, um zu einem ekeligen Einheitsbrei zusammengerührt zu werden. Nicht nur, dass er den verhasstesten Job der Welt ausführen muss, er hat auch die schlimmsten Kollegen der Welt. Sein Chef ist Tag und Nacht am Brüllen und sein Helfershelfer ist auf seinen Job scharf. Dabei würde Guy diesen ohne zu zögern abgeben. Jeden Morgen, wenn er die Maschine anwirft, tut es ihm in der Seele weh, so viele Bücher in den Tod zu schicken. Jeden Abend muss er in den Schlund der Bestie steigen, um tote Ratte herauszufischen. Und dabei rettet er jedes Mal steckengebliebene Seiten der vernichteten Bücher. Und jeden Morgen liest er daraus vor. In der Metro.
Guylain hat ein sehr eintöniges Leben. Er hat feste Zeiten und Rituale, die sich nicht ändern. Er hat auch nur wenige Freunde, z.B. Yvon, der Schrankenwärter der Fabrik, der gerne Verse deklamiert; oder seinen ehemaligen Chef, der einen schweren Unfall hatte und dem Guylain nun hilft wieder auf die Beine zu kommen. 
Doch dann findet er eines Tages einen USB-Stick auf dem Notsitz, auf dem er immer sitzt, wenn er vorliest. Dieser Datenstick enthält eine Art Tagebuch, das von Julie. Er beginnt es zu lesen, dann vorzulesen und schließlich setzt er alles daran Julie zu finden, die ihm so ähnlich zu sein scheint.

Das Buch selbst ist wirklich schön aufbereitet. Nicht nur der Umschlag, sondern auch die Seiten sind unterschiedlich hervorgehoben. Die Seiten, aus denen Guylain vorliest, sind bräunlich, wie alte Bücher. Die Seiten aus Julies Dateien sind gräulich und in Arial geschrieben, nicht in Times. Die Schrift in diesem Buch ist auch nicht schwarz, sondern braun. Das gibt eine schöne Stimmung.



die Seiten aus Julies Textdateien


Es ist eine schöne Geschichte für zwischendurch. Sie ist nicht kompliziert gestrickt, folgt sehr geradlinig einem roten Faden. Allerdings gibt es auch keine unterwarteten Wendungen oder spannende Episoden, was es für mich etwas langweilig gemacht hat. Ich finde aber schon, dass man das Buch mal eben zwischendurch zum Ausspannen gut lesen kann. Allerdings finde ich schon, dass der Autor da noch mehr hätte rausholen können, mehr Tiefe verleihen können. So wird aber nur die Oberfläche ein wenig angekratzt. Das fand ich schon schade. Die Geschichte an sich ist echt niedlich, da wäre mehr gegangen. Ich denke, als Filmmaterial eignet sich das Buch allerdings hervorragend.

Die Sprache ist einfach gehalten und wenig anspruchsvoll. Muss sie auch nicht zwingend sein. Angeblich soll das Buch "voller Humor und Poesie sein", aber ich habe davon wenig entdeckt. Die Geschichte plätschert so dahin...

Die Charaktere sind gut herausgearbeitet und haben mir gut gefallen. Es gibt nur wenige Personen in diesem Buch, was mich überhaupt nicht stört, und jede hat seine Eigenheiten. Insgesamt hab ich aber den Eindruck, diese Charaktere sind eine Anhäufung von gescheiterten Existenzen.

Ich glaube, ich war mit dem Buch etwas unterfordert.

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