Anja liest: Colin Cotterill - Dr. Siri

Ich liebe Krimis und unkonventionelle Ermittler. Und weil ich in Ermangelung des neuen Flavia-Falls ratlos vor dem Bücherregal stand, empfahl mir mein Buchhändler des Vertrauens die Dr. Siri - Reihe von Colin Cotterill. Ich darf sagen, mein Buchhändler weiß, was ich will. Mit Dr. Siri habe ich einen neuen Lieblingsermittler im Regal stehen. Klar, Pathologen als Ermittler im Krimi sind bekannt, aber Dr. Siri ist wirklich speziell.





Die Serie startet mit dem Band Dr. Siri und seine Toten. Jeder Band umfasst ca. 300 Seiten, bei mittelgroßer Schrift.

Die Serie spielt in Laos Ende der 70er Jahren. Der Staat hat sich gerade von der Monarchie losgesagt - nach Jahren von erbitterten Kämpfen - und sich nun dem Sozialismus verschrieben. Die meisten Gelehrten sind nach dieser Entwicklung über den Fluss nach Thailand geflüchtet, als dieser noch nicht bewacht wurde. Das ist der Grund warum Dr. Siri in seinem stolzen Alter von 72 Jahren zum ersten und einzigen Leichenbeschauer berufen wird. Eigentlich ist Dr. Siri ja Allgemeinmediziner, und mit Leichen hatte er nur während seiner Zeit beim Aufstand zu tun, allerdings in etwas anderer Manier. So muss ich Dr. Siri beugen und sich das nötige Wissen mittels französischer Schulbücher aneignen.
Ihm zur Seite stehen die schlaue Krankenschwester Dtui (was übersetzt etwa "Moppelchen" bedeutet) und der sympathische Herr Geung, mit Down-Syndrom.

Was Dr. Siri besonders macht, ist dass er Geister sehen kann. Die Geister der Toten erscheinen ihm nicht nur in seinen Träumen und reden mit ihm, machen eigenartige Dinge und verschwinden dann wieder. Einmal hinterlassen sie ihm eine Flasche guten Schnaps auf dem Küchentisch.


Zitat aus Dr. Siri sieht Gespenster:
"[...] Spät" - er hickste -, "pardon, spätabends sitzt manchmal eine alte Frau in meinem Büro. Sie hockt einfach da. Ich warte immer darauf, dass sie etwas tut, mir ihre Titten zeigt oder dergleichen, aber sie sitzt bloß da, kaut Betelnüsse und starrt mich an."


Die Kultur in Laos ist geprägt von Geistern und Schamanen, weshalb sich in den Krimis um Dr. Siri viel um dieses Thema dreht. In den Büchern ist es ebenso, dass die Geister real existieren, sich Menschen als Wirte suchen oder sich dem ein oder anderen zeigen. Für die normalen Menschen sind die Geister nicht sichtbar und manche Leute halten Siri für senil.

Dr. Siri hat einen eigenartigen Humor, sehr sarkastisch und ironisch. Er macht keinen Hehl daraus, dass er bald sterben wird und mit seinem besten Freund Civilai gibt er sich sehr intelligenten Wortgefechten hin. Ranghohen Persönlichkeiten zollt er keinen Respekt und erpresst sie. Er ist ein Ärgernis, auch für seine Nachbarn. Dabei setzt er sich für seine Mitarbeiter ein und kümmert sich um sie. Dr. Siri ist ein äußerst sympathischer Mensch.


Der Krimi:
Bei einem Krimi ist es mir wichtig, dass ich nicht schon nach der Hälfte des Buch erraten kann, wer der Mörder war. Dies ist bei den Fällen die Dr. Siri bearbeitet auch nicht der Fall. Vielmehr bearbeitet er mehrere Fälle gleichzeitig, die dann zum Schluss ein großes Ganzes ergeben. Oft ist es so, dass er am Rande der Ermittlung Situationen meistern muss oder Dinge erlebt, die wichtig für das Fortkommen der Handlung sind - aber das ist einem erst später klar. Deshalb ist man als Leser ab und an etwas verwirrt und hinterfragt den Zusammenhang oder die Sinnhaftigkeit des Kapitels. Am Ende des Buches weiß man aber genau bescheid. Der Autor hat seinen Krimi auf jeden Fall sehr schlau eingefädelt.

Colin Cotterill schreibt nicht nur einen guten Krimi, sondern beschreibt auch mit scharfem Blick die laotische Gesellschaft unter den sozialistischen Bedingungen. Wer sich noch die DDR erinnern kann, weiß um Papier- oder Bleistiftmangel. Das ist mitunter sehr witzig.

Zitat aus Dr. und seine Toten:
"Wie war dein Wochenende?"
"Sensationell. Ich habe mir bei einem politischen Seminar in Vang Vieng den Hintern wundgesessen. Und du?"
"Ich habe einen Graben ausgehoben."
"Und? Wie war´s?"
"Sensationell. Mein Block hat den Preis für das "fröhlichste Arbeitslied" bekommen."
"Gratuliere. Was gab´s denn zu gewinnen?"
"Eine Spitzhacke."
"Nur eine?"
"Jeder darf sie reihum eine Woche benutzen, in alphabetischer Reihenfolge."


Diese Krimi-Reihe ist für jeden etwas, der gerne unkonventionelle Ermittler mag und sich auf Laos und seine Geister einlassen kann. Die Geschichte lebt von den Figuren, dem Wortwitz und dem Exotischem.




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