Anja liest: John Irving - Gottes Werk und Teufels Beitrag

Ich hab das Buch auf einem Flohmarkt gefunden und es lange im Regal stehen gelassen, bis ich mich ran getraut habe. Aber dann konnte ich es kaum aus der Hand legen.

Im englischen Original heißt das Buch übrigens: The Cider House Rules. Dieser Titel würde sicher besser passen, aber deutsche Titel ist auch nicht so ganz daneben. Das Buch wurde bereits verfilmt und gibt einen kleinen Ausschnitt aus dem Buch wider. Ich habe den Film gesehen und finde ihn gut gelungen, auch wenn die Handlung hier und da abweicht. Der Grundgedanke ist stimmig.

Es geht in erster Linie um ein Waisenhaus in Maine, St. Cloud´s, mit seinen besonderen Bewohnern. Der Leiter der Anstalt, Dr. Wilbur Larch, seine zwei Krankenschwestern - von denen eine in ihn verliebt ist - und natürlich die Waisen. Jede hat seine eigene Geschichte.



In diesem Buch wird die Geschichte der Abtreibung behandelt. Wer mit sowas Probleme hat, sollte es also nicht lesen. Irving beschreibt den medizinischen Vorgang an sich schon sehr detailreich. Aber schlimmer sind die Abtreibungen, die schief gegangen sind. Die, die in schmutzigen Hinterzimmern irgendwelcher Spelunken stattfinden und die dann oft mit dem Tod durch Verbluten enden. Für zartbesaitete könnte das wohl etwas viel sein.

Das Buch ist gegliedert in 11 Kapitel, teilweise macht er große Zeitsprünge und erklärt dann im neuen Kapitel was in der Zwischenzeit passiert ist.
Anfangs wird sehr ausführlich der Werdegang von Dr. Wilbur Larch erzählt. Das ist zum einen wichtig, weil man dadurch verstehen lernt, warum der Dr. Abtreibungen durchführt, obwohl sie verboten sind, zum anderen, weil man Dr. Larch wirklich zu schätzen lernt. Auch wenn er dem Äther mehr als zuträglich ist. Es dauert beinahe 100 Seiten bis seine Geschichte erzählt ist. Aber langweilig wird einem nicht. Dr. Larch setzt sich mit Herz und Verstand für die Frauenrechte ein. Für ihn ist alles "Gottes Werk". Er stellt alle Frauen, die zu ihm ins Waisenhaus kommen vor die Wahl, ob sie lieber eine Abtreibung oder eine Waise haben wollen. Denn es ist klar für ihn, dass das Kind, sollte es ausgetragen werden, im Waisenhaus landen würde. Was ist also besser für das Kind? 

"Hier in St. Cloud´s haben wir nur ein Problem, und sein Name ist Homer Wells."

Homer Wells ist ein Waisenjunge, der irgendwie nicht adoptiert werden kann. Irgendwelche unvorhergesehenen Ereignisse lassen jeden Adoptivversuch scheitern. Die sind zum einen sehr witzig, weil sie so grotesk sind, dass man sich fragt, ob das wirklich passieren könnte, auf der anderen Seite, aber doch sehr tragisch. Im allgemeinen schreibt Irving einen schmalen Grad zwischen realem Leben und totaler Absurdität. Weil Homer nicht vom Waisenhaus wegkommt, wird er kurzerhand Dr. Larchs Assistent, der ihm alles über Geburtshilfe und auch Abtreibung lehrt. Bis Homer für sich feststellt, dass auch ein Fötus eine Seele hat. 

 "Wir haben Homer Wells an die Welt verloren." 

Und dann eines Tages geht er doch weg von St. Cloud´s. Auf der einen Seite findet Dr. Larch das sehr bedrückend, auf der anderen steht seine Meinung, dass der Junge unbedingt seine eigenen Erfahrungen sammeln muss, fest. Er unterstützt ihn, tut aber alles, um die Rückkehr vorzubereiten. Und das tut er sehr genau. Denn er ist sicher, dass Homer eines Tages wieder zurückkehrt. Schließlich gehört er zu St. Cloud´s. In der Zwischenzeit allerdings erlebt Homer ein anderes Leben auf einer Apfelplantage.

Alles in Allem geht es in diesem Buch um so viele Dinge, dass sich eine detaillierte Inhaltsangabe kaum machen lässt. Aber hauptsächlich ist eine Geschichte über die Liebe. Über die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn. Über die Liebe zu einem besten Freund und zu seiner großen Liebe. Und über die Liebe zu den Menschen. Über den Wert des Einzelnen. Das Recht selbst entscheiden zu dürfen, wohin einen das Herz trägt. Vor dem Hintergrund einer moralisch doppelzüngigen Gesellschaft, in der Frauen vergewaltigt werden dürfen, aber eine Abtreibung des daraus entstandenen Kindes, verboten wird. 

Irving hat eine Sprache, mit der ich sehr gut zurecht komme und die mir absolut gefällt. Er geht tief ins Detail, aber gerade das ist es, was diese Geschichte ausmacht. Da sind Schachtelsätze mit zahllosen Bindestrichen und Kommas keine Seltenheit. 
Durch seine klare Sprache versteht man das aber sehr gut und kann alles ohne Probleme nachvollziehen - jedenfalls hatte ich keine Schwierigkeiten damit. Jede wichtige Person in diesem ausführlich beschrieben. Und das ist wichtig, weil man auf diese Weise die Charaktere besser nachvollziehen kann. 

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