Anja liest: Dörte Hansen - Altes Land

Ich habe mir das Buch gekauft, ohne irgendetwas über die Handlung zu wissen - hatte schon eine schnulzige Familiengeschichte befürchtet - aber ich fand das Cover einfach schön. Und so ist auch das Buch: schnörkellos und doch sehr genau und detailreich.


Es wird hier nicht nur die Geschichte von Vera erzählt, mit ihren Ängsten und ihrem Kampf, sondern auch gleichzeitig die der anderen Menschen im "Alten Land". 
Vera lässt ihr Haus verkommen, weil sie Angst hat, dass es ihr etwas antun könnte, sobald sie etwas verändere - denn so war es schließlich bisher: sobald eine Veränderung eintrat, gab es Blut und Scherben. Nie war sie willkommen in diesem Haus, in das sie geflüchtet war mit ihrer Mutter. Und die sie dann letztendlich dort gelassen hatte, weil sie zu sehr an das alte Leben erinnerte. Ein Leben weit weg der Heimat, an die sie sich kaum erinnern kann, aber die Vogelscheuchen in den Bäumen hängend mit den verdrehten Hälsen, die sind ihr noch gut im Gedächtnis geblieben. Aber da gibt es auch noch ihren Nachbarn Heinrich, bei dem alles schön "schier" ist. Er ist genauso allein wie sie, obwohl er doch alles in seinem Leben richtig gemacht hatte, nicht so wie sein alter Herr. Und es gibt Dirk, dessen Frau sich ein 5tes Kind wünscht, und der den Kopf schütteln muss über seine Nachbarbauern, die auf Bio umgestiegen sind und einen Hofladen betreiben, auf dem sie Apfelgelee von Rewe verkaufen. Die Haare raufen möchte er sich am liebsten über so viel Dummheit. Und von den neuen Städtern, die hier auf dem Land ihr Glück suchen, oder "mit sich ins Reine kommen" wollen, von denen hält er schon gar nichts. Und besonders nicht von Burkhard und einer Frau, die Neureichen aus Hamburg, die den Resthof gekauft und aufgemöbelt haben. Der hat allerdings auch seine Probleme, auch wenn er erst spät erkennt, dass diese existieren. Bildet sich ein, mit den Bauern auf einer Höhe zu stehen, blickt aber oben herab auf sie nieder und hält grundsätzlich alle für dumm. Aber Magazin-Artikel, die kann er massenweise über sie schreiben. Und dann ist jetzt auch noch Anne da. Die hatte sich nie richtig angekommen gefühlt im schicken Hamburg, wo sich die Eltern über die Kinder definieren und sie ihr Glück irgendwie nicht finden kann, weil sie nie dazugehören würde. Und als ihr Mann sich in Schneewittchen verliebt, zieht sie zu Vera, ihrer Tante. Damit schockiert sie ihre Mutter, die nie ein gutes Verhältnis zu der Schwester gehabt hat. Aber sie  und Vera sind sich ähnlich, in vielen Dingen. Vera erkennt einen Flüchtling, wenn sie einen sieht.

Dieses Buch erzählt von den Menschen auf dem Land, den Bauern, ihren Sorgen und Nöten, ihren Freuden und ihr Glück und ihren Familien. Es geht nicht nur um Vera, es geht um sie alle und um das Land auf dem sie leben. Achja, und es geht um Äpfel...

Die Sprache ist sehr gut zu verstehen, auch wenn die Autorin oft in Schachtelsätzen schreibt. Ganz im Gegenteil: das ist toll. Ich mochte den Schreibstil sehr, aber ich mag ja auch John Irving. Sie schreibt ohne Schnörkel, direkt und ist dabei unheimlich sympathisch... und sie schreibt plattdeutsch. Es hat mir wahnsinnig Spaß gemacht das Buch zu lesen und die Geschichten der Familien zu entdecken. Ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch gelesen habe.

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